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Identitätsverlust

#1 von mathias , 02.06.2008 07:17

Entstand der durch den Verlust des eignenen Staats, der ja dann aufging in der BRD?
Ist die Erfahrung, dass wir mal unabhängig, eigenständig waren, und nun quasi "besetzte" Zone, auch ein Teil des Identitätsverlustes, oder ist da mehr?
war es nur die Art und weise, wie wir Vereint wurden?
Würde der Identitätsverlust aufhören, wenn wir wieder einen eignenen Staat hätten, oder würde es da immernoch so sein, dass wir da unsere Probleme hätten?

Was denkt ihr?

Den schönsten Satz, den ich dazu gehört hatte, war ja folgender:
"Im Osten los gegangen, aber im Westen noch nicht ganz angekommen!"
Sind wir also ehr eine Generation des Übergangs, die ihre Identität in diesem neuen Staate sucht, oder eben gefunden hat..

Bin gespannt auf eure Meinungen


Spürst du es in dir? Wie uns das Leben erfüllt mit Glück? Wir alle sind hier zu leben unser Geschick. Sing ein Lied! Vergiss die Sorgen, wenn ein Tag zu Ende ist! Komm vertrau auf morgen, weil das Leben es uns verspricht!

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RE: Identitätsverlust

#2 von kirschli ( gelöscht ) , 02.06.2008 10:30

zitat -mathias----Den schönsten Satz, den ich dazu gehört hatte, war ja folgender:
"Im Osten los gegangen, aber im Westen noch nicht ganz angekommen!"
Sind wir also ehr eine Generation des Übergangs, die ihre Identität in diesem neuen Staate
sucht, oder eben gefunden hat..

Darin liegt viel Wahres,Bei der sogenenannten Vereinigung ist vieles schief gelaufen das geben sogar Politiker heute schon zu. Uns wurden kompromißlos die Gesetze der BRD übergestülp, vieles ist im sogenannten Einigungsvertrag
nicht reingekommen da wir ja in einer schwächeren Position waren!Vieles Gute aus unserer Zeit wurde in den Dreck gezogen,von Menschen die uns ja angeblich erst das Arbeiten beibringen mußten, da wir ja alle faul und doof waren und es ja jetzt auch noch sind! Solange diese Meinung noch vorhanden ist werden viele nicht ankommen!Außerdem fehlte uns die sogenannte Ich Mentalität und sie fehlt zum Glück auch heute noch vielen,obwohl sich dahingehend auch schon viel geändert hat!Unser gesamtes Leben wurde in den Dreck gezogen wir wahren ja alle Stasimitläufer und Spitzel obwohl sich viele den Mund nicht haben verbieten lassen und auch nicht alle in der Partei waren!!Ich selbst werde hier nie richtig ankommen da ich ja meine Heimat nicht freiwillig verlassen habe ,sondern gezwungender
Maßen,um der Arbeitslosigkeit zu entfliehen mit der Absicht bei veränderter Sachlage zurück zugehen. Unsere Kinder und Enkel wachsen ja schon ganz anders auf und sehen die Geschichte mit anderen Augen. Dem Kapitel der zwei deutschenStaaten sollte im Geschichtsunterricht mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden und es sollte nicht nur eine einseitige Betrachtungsweise geben.

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RE: Identitätsverlust

#3 von WELLO , 02.06.2008 12:20

Zitat von mathias
Entstand der durch den Verlust des eigenen Staats, der ja dann aufging in der BRD?
Ist die Erfahrung, dass wir mal unabhängig, eigenständig waren, und nun quasi "besetzte" Zone, auch ein Teil des Identitätsverlustes, oder ist da mehr?
war es nur die Art und weise, wie wir Vereint wurden?
Würde der Identitätsverlust aufhören, wenn wir wieder einen eigenen Staat hätten, oder würde es da immer noch so sein, dass wir da unsere Probleme hätten?

Was denkt ihr?

Den schönsten Satz, den ich dazu gehört hatte, war ja folgender:
"Im Osten los gegangen, aber im Westen noch nicht ganz angekommen!"
Sind wir also ehr eine Generation des Übergangs, die ihre Identität in diesem neuen Staate sucht, oder eben gefunden hat..

Bin gespannt auf eure Meinungen


Hallo Mathias,
das ist für mich ein sehr spannendes Thema, es berührt womöglich den Kern mancher "Ossi" - Befindlichkeit - und für mich kaum oder gar nicht nachvollziehbar! So wie mir geht es vermutlich den meisten "Wessis". Daher möchte ich hier erst mal - zum besseren Verständnis - ein paar Fragen nachschieben:

War die DDR jemals "unabhängig" und "eigenständig"? (Unter Breschnjew gab es mal eine Doktrin von der "begrenzten Souveränität sozialistischer Staaten"...)
Lag ihre Basis nicht vielmehr - nach O-Ton SED und de facto - auf den "Bajonetten der Roten Armee"?
Hat sie nicht Millionen über die - künstlichen - Grenzen und gegen die Wand - sprich Mauer - getrieben?
War nicht in der Mehrzahl der Fälle die Treuhand gezwungen, unanbringbare, marode und unproduktive Staatsbetriebe aufzulösen, weil die schlicht und ergreifend niemand haben wollte? Oder hat die das "Plattmachen" dieser Firmen als Selbstzweck betrieben?
Hat die DDR nicht die Wirtschaft so nachhaltig an die Wand gefahren, dass wir die Schäden immer noch reparieren müssen?
Hatte es in der DDR - außer im März 1990 - je freie Wahlen gegeben?
War nicht der Unmut über die "Wahl"fälschungen im Mai 1989 der Auslöser für das Ende der DDR, weil die Leute genug von alledem hatten?
Hatte nicht die aus freien Wahlen hervorgegangene DDR - Volkskammer 1990 den Einigungsvertrag mit großer Mehrheit gebilligt? Wie kann man vor genau diesem Hintergrund von "besetzter Zone" reden?

Mir würde es schwerfallen, mich mit so einem Staat zu identifizieren. Vielleicht geht es nicht nur mir so.

Daher denke ich, dass Dein beschriebener Identitätsverlust andersartiger Natur sein könnte.

Ist es vielleicht einfach nur der Verlust liebgewordener Gewohnheiten? Man weiß ja, dass "der Mensch ein Gewohnheitstier" ist.

Aber - was genau vermisst Du wirklich?


Übrigens habe ich hier im OFO einen link gefunden, der vielleicht zutreffen könnte - ein etwas älterer Beitrag aus der "Zeit":

http://www.zeit.de/2003/41/Einwanderer?page=all

Das wiederum passt ins Bild von "losgegangen, aber noch nicht angekommen"...

Gruß Wello




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RE: Identitätsverlust

#4 von Buhli , 02.06.2008 12:38

Kirschli, die Geschichtsaufarbeitung der 40 Jahre währenden Zweigleisigkeit hat wirklich noch einen imensen Nachholebedarf. Das wird auch noch. Es müssen da allerdings ein paar andere Leute an die Schaltstellen. Das wird noch.
"Im Osten losgegangen" ist schon mal ganz richtig. "Im Westen noch nicht ganz angekommen" sollte sich auch erhalten. Warum sollen wir im Westen ankommen? Steht der Begriff "Wiedervereinigung" nicht auch für "Sich auf einander zu zubewegen"? Steht doch die Frage. Wann geht man endlich im Westen los. um denen im Osten zu begegnen? Die DDR soll es so wie es sie gab nicht wieder geben. Da sind wir uns alle einig. Auch die überzeugtesten Genossen. Nur die BRD Bonner Prägung, ist auch schon lange nicht mehr Gesamtdeutsch Salonfähig. Bundesdeutsche Bildungsexperten haben da schon längst die Erkenntnis, daß da mehr als 40 Jahre Bildungsmittelalter herrscht. Da müssen die Experten aus den NBLs wenigstens nichts hinzufügen, was den gemeinen "Wessi" kränken könnte. Der ist eh Ostberatungsressistent. Ich persönlich leide nicht unter Idenditätsverlust. Wenn mich so manche Kunden fragen, wie lange die Reparatur denn dauere. Geb ich manchmal zur Antwort: "Ich bin nicht von hier, da geht es etwas schneller." Am Dialekt hören sie es eh, daß ich aus dem Sachsenland komme. Nicht jeder kann über diesen Seitenhieb schmunzeln. Das sind dann auch die etwas intelligenteren.


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RE: Identitätsverlust

#5 von Rotkäppchen , 02.06.2008 12:38

Das stimmt, was Kirschli sagt.
Auch ich bin noch lange nicht im Westen angekommen und ehrlich gesagt, will ich das auch gar nicht. Bis auf wenige Ausnahmen sind die Mentalitäts-Unterschiede zu unseren westlichen Nachbarn einfach noch zu gross. Da fühle ich mich mental teilweise jedem Italiener, Spanier oder Osteuropäer näher, die ich hier in der Schweiz schon zu Hauf kennenlernen konnte.

Mein Empfinden beruht grösstenteils auf den Erfahrungen mit den Westdeutschen, die ich schon im Kindesalter hatte.
Meine Mutter und meine Tante hatten eine Cousine im Westen, die mit ihrem Mann alle zwei-drei Jahre bei uns zu Besuch war. Wenn ihr wüsstet, was unsereiner damals für Aufsehens wegen diesen Besuch gemacht hat....da wurde wochenlang vorher geplant, wer was besorgen kann, von einem Delikatladen zum anderen gehetzt, der Getränkehändler wurde mit selbstgeschlachteter Wurst bestochen, damit er uns gutes Bier besorgt, der Garten wurde nach allem frischen Obst und Gemüse geplündert usw. Es gab fast jeden Tag ein Festessen und meine Oma stand von früh um 05.00 bis abends auf den Beinen, machte für die Herrschaften die Betten, kochte für die ganze Familie Thüringer Klösse (handgemacht!!!), schlachtete ihre Kaninchen, ihre Hühner für die Suppe. Serviert wurde immer alles mit Omas bestem Geschirr auf gebleichten und gestärkten Tischtüchern! Die ganze Familie sass an der Tafel und diesmal waren schmatzen und rülpsen ausnahmsweise verboten Und dann mussten wir uns immer anhören: "Was habt ihr denn nur? Euch geht es doch prächtig! Ihr habt doch alles, was ihr braucht! - Wie schön wäre das doch, wenn ihr uns auch mal besuchen kommen könntet".......Jooo, und dann war's soweit, die Mauer fiel.....aber ne Einladung ist nie mehr gekommen! Nur damals, als die Grenzen noch zu waren, wurden wir ständig eingeladen Im Gegenteil, als mein Onkel seinen Job in Köln verloren hatte, rief er bei uns an, wir seien an allem Schuld, die Firma ginge in den Osten, weil sie da billigere Arbeitskräfte findet!

Naja und derartig setzen sich meine Erfahrungen halt fort, vorallem hier in der Schweiz, wo man wirklich auf viele Westdeutsche trifft. Da ist der kriminelle Chef aus Bonn, der meint die Ostdeutschen haben in 40 Jahren nie gearbeitet, da ist eine eingebildete Kundin (südwestdeutscher Raum) in einem kleinen Whyskiladen in Zürich, wegen der ihren arroganten Äusserungen gegenüber dem Besitzer ich beschämt den Laden wieder verlassen habe, damit er nicht mitbekommt, dass ich auch dieser Nation angehöre, da sind die "schlauen" Geschäftsleute, die sich an der Elbe - Flutkatastrophe 2002 noch bereichern wollten, weil sie anstatt zu helfen, kamen, um Sandsäcke zu verkaufen! ....und diese Beispiele lassen sich unendlich fortsetzen....wo bitte schön, soll man da ankommen?


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RE: Identitätsverlust

#6 von Buhli , 02.06.2008 13:06

Wello, wann war die BRD jemals unabhängig und eigenständig gegenüber den USA? Die Marjonetten gibt es seit Adenauer. Warum geht der erste Antrittsbesuch eines Kanzlers nach Washington?
Wenn über Zerstörung durch Mitthilfe der Treuhand gesprochen wird, dann wird nicht von den maroden Firmen gesprochen. Da geht es um die Wettbewerbsfähigen, die Zerstört wurden. Was marode war, lies sich ja nicht mehr zerstören.
--Hatte nicht die aus freien Wahlen hervorgegangene DDR - Volkskammer 1990 den Einigungsvertrag mit großer Mehrheit gebilligt? Wie kann man vor genau diesem Hintergrund von "besetzter Zone" reden?--
Diese Frage kannst Du zur Zeit beim Thema Milchbauern anbringen. Ein schwacher wird nun mal von einem Starken nicht auf Augenhöhe betrachtet. Immer von oben herab. Sollte man das dem Schwachen auch noch zum Vorwurf zu machen?
Warum wandern zur Zeit mehr Menschen aus der Bundesrepublik aus, als aus der DDR? Im Schnitt wanderten 100000 pro Jahr aus. Warum auch immer. Jetzt sind es mindestens 165000. Für mich zwar kein Grund erneut eine Mauer zu bauen, aber auch nicht gerade eine Referenz an dieses Gesellschaftsystem.
Deine gestellten Fragen sind immer die selben, von Westbundis gestellten. Warum stellen die diese Fragen auch dann noch, wenn man versucht ihnen die sachlich zu erklären? Es ist sicher nicht einfach das Bild was man von seinem Land hatte korrigieren zu müssen. Die Ossis haben das, teils sehr schmerzhaft, erkennen müssen. Das Bild was die Westbundis von ihrem Land haben, muß ja auch korrigiert werden. Wird sicher genau so schmerzhaft werden. Wird nur ganz erfolgreich verdrängt. Die Geschichte holt auch diese Verdränger ein. Du idendifizierst Dich doch mit der alten BRD. Oder etwa schon mit der neuen? Vergiss nicht, es sind zwei verschiedene.


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RE: Identitätsverlust

#7 von mathias , 02.06.2008 13:40

Wello man kann die Sache auch einfach ausdrücken:
"es war ein Drecksstaat, aber unserer Staat!"
Heute, kann man schon durch die Anzahl nicht viel bewegen, die in einem eignenen Land, durchaus drin gewesen wäre!
Natürlich wäre der weg minimum so steinig gewesen, wie bei den anderen Staaten des ehemaligen Ostblocks, dass muss man nüchtern sehn, aber anderseits hätten wir dann doch uns unseren Stolz/würde wenn er denn hoch kommt, selbst verdient!
So hält man uns nun gegenteilig vor, dass wir nur "durch die gnade der anderen" (Millarden, Billionen oder was auch immer da für zahlen rumgeistern), nun dastehn, wo wir stehn.
Und das ist mit der zeit ermüdent, vorallem da auch wir unseren Teil zum gesamtwesen leisten, dass aber eben nicht so gewürdigt wird.

Ein 17 Jähriger bekannter von mir hat es mal so formuliert: "vor 18 jahren wurden wir unserer Freiheit beraubt!"
Und glaub mir, unsere deffinition von Freiheit ist da nicht anders als eure.
Wer frei ist, was risikiert, macht fehler.
Aber uns werden nur die Fehler vorgehalten, aber selten das gelungene, und was gelungen ist, dass wird gern vergesamtdeutscht.

Ob ich diese Ansicht teile, mag mal hingestellt sein, aber sie gibt in teilen den grundtenor wieder...
Nenn es Phantomschmerzen, über den Verlust der Eigenständigkeit..oder wie auch immer!


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RE: Identitätsverlust

#8 von Rotkäppchen , 02.06.2008 14:10

Wir bekamen das alte BRD-System übergestülpt, vorher mussten wir noch den alten Mantel DDR-System abwerfen und so tun, als ob es keine Geschichte gab, als ob wir nicht in diesem System gross geworden sind. Wir sollten es abstossen wie ein altes Auto zum Verschrotten. Alles sollten wir ablegen, alles war schlecht und kommunistisch verseucht, mit der D-mark wollte man uns reinduschen, damit wir in den neuen Mantel passen....und anpassen, ja anpassen sollten wir uns zu 100%! Ausser dem grünen Pfeil wurde nix für wert gehalten aus dem alten ins neue System zu nehmen. Am Anfang waren viele bereit, sich anzupassen, jeden scheiss mitzumachen, man nahm uns die ARbeitsplätze, o.k. hiess es, der Aufschwung braucht seine Zeit, wir müssen nur Geduld haben und startbereit sein; man bombardierte uns mit Versicherungspolicen,... o.k. muss wohl sein in der neuen Zeit, da jeder auf sich selber achten muss....die Mieten stiegen auf das 5fache.....naja sagt sich der Ossi....konnte ja auch nicht ewig so weiter gehen mit den ganzen Subventionen......eine Steuererklärung musste ausgefüllt werden....hm diese ganze Bürokratie aus dem Westen muss wohl sein, irgendwie müssen ja die vielen Menschen verwaltet werden....reiche BRD Bürger kamen und kauften uns ganze Strassenzüge alter Villen weg.....hm ... ein wenig grummeln aber was will man machen, die haben ja das Geld.... usw. und so fort.

Ich muss euch nochmal ein gutes Zitat hier bringen aus dem Buch "Abbau Ost" Das passt doch gut zum Thema und ihr seht, wie lesenswert dieses Buch ist für Ost- wie auch für Westdeutsche:

"Das westdeutsche Modell wurde mit der D-Mark eins zu eins auf Ostdeutschland übertragen und alle Spuren, die auch nur entfernt an die DDR erinnerten, restlos getilgt. Der Osten ist heute durch und durch "westdeutsch", und was der Westen daran kritisiert, ist - bei allen Bemühungen um Dinstanz - das eigene Abbild. Den Betrachtern schaudert vor sich selbst. Was sie sehen , ist ihr eigenes Werk, ihre eigenen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, ihre eigenen GEsetze udn Massgaben menschlichen Zusammenlebens. Die Bundesrepublik kann ihren eigenen Anblick nicht ertragen. Konnte sich eine Nation je zuvor derart kritisch in ihrem eigenen Spiegel betrachten? Wurde einer Nation jemals zuvor eine so eindringliche Warnung zuteil, dass ihre gegenwärtigen wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen nicht für die Zukunft taugen? ......"


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RE: Identitätsverlust

#9 von kirschli ( gelöscht ) , 02.06.2008 16:17

also ich sehe hier ein sehr interessantes thema, besuch aus dem westen zu ddr-zeiten war ein welt bewegendes ereignis,meine schwiegereltern hatten viele geschwister auf beiden seiten deutschlands kann das was rohtkäppchen schreibt nur bestätigen,viele werden uns erst verstehen wenn sie öffters mal unsere heimat besuchen würden und mit den dort lebenden ins gesprächkommen würden

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RE: Identitätsverlust

#10 von WELLO , 03.06.2008 23:04

Also - erst mal danke für Eure vielen aufschlussreichen Beiträge!

An das Thema "Westbesuche" und "Westpakete" erinnere ich mich noch sehr genau - übrigens von beiden Seiten! Heutzutage für manche vielleicht ein Kuriosum... Ich hab' Westbesuche und Pakete sowohl bekommen, als auch später selber gemacht und verschickt. Im Nachhinein ein bisschen schmunzelig, aber auch - immer noch ein bisschen ärgerlich:

Wie konnten wir uns alle nur in so ein festgelegtes, im Grunde unfreiwilliges Rollenspiel hineinzwingen lassen - in so einem Scheiß - Spiel??

In meinen frühen Jahren bekamen wir regelmäßig Westpakete von Verwandten und Freunden - ich hatte mich immer drauf gefreut. Ebenso auf deren seltene Besuche. Zu dieser Zeit empfanden wir auf beiden Seiten die deutsche Teilung als etwas Künstliches, Unnatürliches - "Übergestülptes"...! Im damals noch offenen West - Berlin konnte man sich allerdings auch treffen, wenn es die Umstände zuließen, ohne umständliche Formalismen.
Später drehten sich die persönlichen Fronten um. Irgendwann wurde man selbst zum Absender eines Westpakets und zu einem Besucher, der das Privileg genießen konnte, die Mauer in beiden Richtungen überqueren zu können.
Was @Rotkäppchen schreibt, ging bei uns ähnlich ab, aber nicht ganz so heftig. Die Verwandtschaft "brach sich einen ab", wenn mal Westbesuch kam; nur: wir kannten den Hintergrund genau, uns musste man nix vormachen! Aber: nur unseretwegen hätten sie niemals so einen Aufwand treiben müssen!

Einmal hatten sie ein Riesen - Gartenfest organisiert, mit live - Band, bunten Lämpchen und Grillvorräten, die für drei Feste gereicht hätten... Sie hatten sich auf unseren Besuch gefreut, und wir uns mit ihnen, weil wir bei dem tollen Fest dabei sein konnten.
Peinlich wurde es immer, wenn wir den nicht verbrauchten Mindestumtausch dalassen mussten - dadurch wurden die Verwandten zu Almosenempfängern degradiert, und selbst fand man sich in der - unfreiwillig peinlichen - Rolle des jovialen Spenders wieder... Aber sollten wir etwa das Geld wegschmeißen, wo doch jeder wusste, dass sie es auch gut verwenden konnten??? Andererseits gingen für so einen Besuch auch teilweise erhebliche Beträge drauf. Die haben wir uns auch nicht einfach so aus den Rippen geschnitten, nach dem Motto: im goldenen Westen verfügt jeder über einen Goldesel im Stall... Da sind wir wieder mitten in diesem Scheiß - Spiel (s.o.), zum Glück längst Vergangenheit...!

Gruß Wello

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RE: Identitätsverlust

#11 von Buhli , 03.06.2008 23:24

Wir haben nicht nur Westpakete empfangen. Wir haben auch Ostpakete geschickt. Wie Du schon erwähntest. Aus den Rippen konnten es sich auch die Tante oder der Onkel im Westen nicht schneiden. Ich weis nur noch was von Kinderschuhen in den Größen von 6-15 jährigen. Einen Optikbaukasten für einen meiner Cousins. Modellbahnen in H0. Gummistiefel und Regenumhänge für die Kinder.
Ich hab da schon mal was zu diesem Thema im Forum stehen. Es gab da auch die kirchlichen Organisationen, die über Privatadressen Kontakte herstellten. Da die Westler nun aber über uns O(b)stler nichts wussten, kam es auch vor, daß Reis, Haferflocken,Zucker usw. in den Westpaketen war. Das die Empfänger natürlich etwas Brüskiert reagierten, können nur gelernte DDR-Bürger verstehen. Die Westler bezeichneten das als "Undankbar". Das Undankbare hat sich ja bis heute erhalten.


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RE: Identitätsverlust

#12 von kalteschnauze , 06.06.2008 17:37

denke das ist normal, wenn dir ungefragt und ohne das du ne reele chance hast, als gleichberechtigter partner mitzubestimmen, ne neue welt "übergestülpt" wird, dir gesagt wird, du sollst dankbar dafür sein und dein bisheriges dasein war nur asche und jetzt gehts dir richtig gut.
aber waren wir nicht selber schuld, das wir das vereinigungsgedöns sofort und gleich haben wollten (erst hies es ja, die ddr soll neu umgestaltet werden bis ca. dez. 89 - ab da gings dann richtung sofort? wiedervereinigung), banane/westmark gegen mühsehlige umgestaltung? hätten wir nicht aus EIGNER!!! kraft ne neue chance gehabt um dann gleichberechtigter in die vereinigung zu gehen? keine ahnung.

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RE: Identitätsverlust

#13 von joesachse , 06.06.2008 21:52

Ich empfinde keinen Identitätsverlust:

http://www.ossiforum.de/t1619f38-GELoeSCHT-2.html#msg9777827

Wir müssen einfach zu unsere Vergangenheit stehen, und das heisst konsequent auch einzusehen, dass die Mehrzahl der DDR-Bürger im Frühjahr 1990 die Partei gewählt hat, die die D-Mark bringen und die Wiedervereinigung wollte. Ja, es gab Leute, die andere Wege gehen wollten, aber die hatten damals keine Mehrheit. Es ist schon merkwürdig, dass das damals keiner gewesen sein will, der die CDU gewählt hat. Und die, die dazu stehen, sagen dann, sie sind belogen worden, aber keiner sagt deutlich: Ja, ich habe damals die CDU gewählt, weil ich dies für die beste Lösung hielt.
Jeder, der im Staatsbürgerkundeunterricht aufgepasst und auch Westfernsehen gesehen hatte, wusste doch genau, was auf ihn zukam. Diese kollektive Verdrängung ist schon erschreckend.
Nur wenn wir lernen, zu unserer Vergangenheit zu stehen (so wie ich das im oben zitierten Beitrag andeute), dann haben wir keinen Identitätsverlust.

Was ich hier im Westen lernen musste, war das Selbstbewusstsein zu bekommen und zu sagen: Ja, ich war Gruppenratsvorsitzender, ja, ich war FDJ-Funktionär, ja, ich stand zu diesem Gesellschaftssystem, bis ich irgendwann erkannte, dass die Theorie des Sozialismus mit dem real existierenden Sozialismus nicht mehr viel zu tun hatte. Spätestens im Studium, wo wir zu analytisch denkenden Wissenschaftlern ausgebildet wurden, wurde einem das klar.
In ja, ich bin 1988 noch als Kandidat in die SED eingetreten, weil es da in meinem Umfeld einige junge Leute gab, die sagten: Wir sehen, dass wir etwas ändern müssen, also komm und mach mit, hilf uns, dieses Land aus dieser Partei heraus zu ändern. Die Aufnahme in die Partei hatte sich dann 1989 erledigt. Aber wir konnten uns noch ein Jahr vorher die Veränderungen und die Macht des Volkes so nicht vorstellen, sondern sahen als einzigen Weg die Veränderung "von innen heraus". Heute weiss ich, dass das eine Fehleinschätzung war.

Nur, wenn wir zu unseren Fehlern und vielleicht auch Verfehlungen stehen, können wir unsere Identität bewahren und den Lauten im Westen, die uns erklären wollen, wie wir in der DDR gelebt haben, die Stirn bieten.

Gruß
Joe

 
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RE: Identitätsverlust

#14 von blafaselblub , 06.06.2008 22:08

@joesachse,
du hast eine sehr gesunde einstellung geschrieben.
lg
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RE: Identitätsverlust

#15 von kirschli ( gelöscht ) , 06.06.2008 22:44

zitat von joesachse " Es ist schon merkwürdig, dass das damals keiner gewesen sein will, der die CDU gewählt hat. Und die, die dazu stehen, sagen dann, sie sind belogen worden, aber keiner sagt deutlich: Ja, ich habe damals die CDU gewählt, weil ich dies für die beste Lösung hielt.
Jeder, der im Staatsbürgerkundeunterricht aufgepasst und auch Westfernsehen gesehen hatte, wusste doch genau, was auf ihn zukam. Diese kollektive Verdrängung ist schon erschreckend.
Nur wenn wir lernen, zu unserer Vergangenheit zu stehen (so wie ich das im oben zitierten Beitrag andeute), dann haben wir keinen Identitätsverlust."


Also in stabi habe ich aufgepasst, aber westfernsehen konnte mann im tal der ahnungslosen nur bei extremen nebel etwas sehen; zu meiner vergangenheit stehe ich, bin damit schon oft angeeckt, habe keine cdu gewählt und werde es nie tun, ich war spd wähler und jetzt überlege ich ob ich überhaupt noch wählen gehe und solange mann mich nicht akzeptiert mit meiner vergangenheit werde ich auch hier nicht richtig an kommen, nä schaun wa mal

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