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Leben in der russischen Garnison

#1 von Allyson , 11.04.2009 00:52

Weiß hier jemand vielleicht, wo man Informationen über das Leben in den russischen Garnisonen in der DDR herbekommt?
Ich muss das Thema gerade recherchieren.
Speziell interessiert mich hierbei das Leben der Offiziersfamilien, die ja zum Teil mit ihren Kindern da lebten. Durften die sich frei bewegen? Mussten die Kinder ab einem bestimmten Alter wieder zurück in die damalige SU oder durften die automatisch auch als Teenager bleiben?
Einen Einblick in das Privatleben sozusagen. Es scheint da nicht so viele Quellen zu geben.

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RE: Leben in der russischen Garnison

#2 von Björn , 11.04.2009 01:14

Da kann ich ein wenig weiterhelfen:
Wir haben genau neben einem der 2 Standorte im Raum Quedlinburg gewohnt. Wir konnten uns dort genauso frei bewegen und auf dem großen Spielplatz rum toben, wie die Kinder zu uns ins Betriebsgelände (Agraringenieurschule) kamen. Speziell mit der einen Offiziersfamilie aus der Ukraine hatten wir viel Kontakt, der Junge war so alt wie ich, die Tochter knapp 4 Jahre älter. Die Beiden waren mit uns auch in der Stadt auf dem Rummel usw., genauso war er dort im Krankenhaus!


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RE: Leben in der russischen Garnison

#3 von DeutschLehrer , 11.04.2009 08:59

Bei uns lebten auch in der Nachbarschaft einige russische Offiziersfamilien, wir haben öfter mit den Kindern gespielt, ich war als Kind auch bei denen zu Hause, mir ist nur die kahle Küche in Erinnerung geblieben ähnlich einer typisch russischen комуналка. Mein Russisch ist auch eingerostet, habe gerade úberlegt, ob hinter das л noch ein Weichheitszeichen gehört. Die Offiziersfamilien konnten sich zumindest frei bewegen und da wir auch die Läden der russischen Garnision nutzen konnten, traf man sich doch öfter. Ob die Kinder wieder zurück gemußt hätten, war kein Thema, da die russischen Offiziere regelmäßig versetzt wurden, aber es gab auch 17- und 18-jährige Kinder der russischen Offiziere, was wohl heißt, dass niemand zurück mußte.

Gruß DL

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RE: Leben in der russischen Garnison

#4 von Björn , 11.04.2009 09:48

Meines Wissens waren die Offiziersfamilien meistens ca. 10 Jahre im DDR-Standort und sind dann wieder in die SU versetzt wurden. Bei der oben genannten Familie war die Tochter dann 16 Jahre alt.


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RE: Leben in der russischen Garnison

#5 von mutterheimat , 11.04.2009 14:11

Diesbezüglich muß man einige Unterschiede machen. Ich komme gleich darauf. Aber prinzipiell war das Leben der Offiziere und ihrer Famielien in der DDR, als ein Leben, wie im Westen zu bezeichnen. Die Frauen konnten einkaufen gehen, wo sie wollten. Ob in der Garnison, oder draußen. Allerdings durften sie keine reguläre Arbeit draußen aufnehmen. Darum waren sie auch "schwarz" auf den Apfel/Birnen/Pflaumen/Quitten/etc. Pflückplantagen (tief im Apfel"Wald") zu finden, weil keine GAI sie dort sehen konnte. Die frei zugänglichen Magazine (auch für DDR Bürger - viele waren es nicht) waren immer recht gut besucht. Ich selbst habe einmal von Offiziersfrauen prächtige Pfirsiche, aus dem Magazin, gekauft. Ein Major verdiente ungefähr 900 DDR Mark. Versetzungen gab es reichlich und zumindestens in der ersten Zeit, meistens mit der ganzen Einheit. Offiziersfamilien durften keine privaten Pkw/Kräder besitzen, (gilt nicht für die Zeit unmittelbar vor dem Abzug der GSSD). Das einzige, was sie als fahrbaren Untersatz haben durften, (nach Genehmigung durch den Vorgesetzten im Stab), war ein Fahrrad mit Kennzeichen am Sattel hinten. Die Kinder hatten seperate Schule in der Garnision und nur relativ wenig Kontakt, (der sich nur auf etwas Freizeit mit der deutschen Nachbarschaft beschränkte), mit deutschen Kindern. Nun der Unterschied, ein Jagt und Kampfpilot war anders eingestuft, als ein Muschkotenoffizier. Das merkte man auch beim Geld und bei der Art und Weise der Frauen, wenn man etwas Umgang mit ihnen hatte. Diese Frauen waren entschieden "feiner" als ein Wald und Wiesen Offizier. Wurde bekannt, daß eine Frau, oder Mann etwas mit einem/einer deutschen "anfing", so wurden sie innerhalb einer ganz kurzen Frist versetzt. Nun noch etwas aus der letzten Zeit, als es zu "Ende" ging. Gorbatschow war am Ruder und es wurden Häuser, von deutschem Geld, für die zurückkommenden Militärangehörigen in Rußland gebaut (z.B. in Stalingrad). Kaum ein Offizier bezog diese Häuser, da wohnten dann die Banditen drin, welche gewust haben, wie der "Hase" laufen wird. Und genau das war auch der "Hammer" für das Land. Denn es ist objektiv unmöglich Millionen, (aus den ehemaligen Ostblockstaaten), von Soldaten inerhalb von ein paar Monaten aufzunehmen, Arbeit, Wohnung, Essen, etc. zu besorgen und alles in den Griff zu bekommen. Das würde auch Amerika nicht schaffen. Es sei bezüglich des Abzuges an den Ostsee-Hafen Mukran erinnert. wo sich so ziemlich alles abspielte. Daraus resultierten auch dann die Desertationen und auch Dramen dahingehend, weil die Frauen und Männer wusten, besser als Deutsche, was vor Ihnen steht. In den allermeisten Fällen hat es sich auch bewahrheitet.


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RE: Leben in der russischen Garnison

#6 von Allyson , 11.04.2009 16:28

Mensch, ich danke Euch.
Das sind schon so viele gute Tipps und Informationen!
Die leben also jetzt alle Gott weiss wie und Gott weiss wo .... Durften die also am Ende ( nach '89) Autos kaufen, mutterheimat?
Und noch eine Frage - haben die "besseren" Offiziere dann auch in besseren Wohnungen gewohnt, etwas gar ein Haus gehabt, oder waren das alles einheitliche Wohnungen?

Und Kontakte mit Deutschen ( also Kindern, wie hier jemand schrieb) waren also nicht verboten?

Vielen, vielen Dank!

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RE: Leben in der russischen Garnison

#7 von Weilheimer , 11.04.2009 17:05

In meiner Heimatstadt gab es einen sogenannten "Russenflugplatz". Wenn ich hier in diesem Thread so lese, stelle ich fest, wie wenig man eigentlich über die Angehörigen der GUS wusste, obwohl sie unter uns lebten. Den Flugplatz konnte man nach der Wende besichtigen. Die Offiziere hatten ihren eigenen Klub und wohnten auch in besseren Unterkünften.
Als Kind/Jugendlicher habe ich die russischen Garnison in Kleinbahren besucht. Der einfache Soldat schlief in riesigen Schlafsälen mit schätzungsweise 50 Betten. Was mich als Kind beeindruckt hat, waren die Wachsoldaten. Die mussten während des Dienstes 2 Stunden am Stück auf so einen kleinen Holzpodest stehen, ohne zu wackeln und wenn ein Offizier vorbeiging, mussten sie salutieren.
Mutterheimat schrieb hier was von Magazin. In Cottbus gab es auch so ein Magazin, was aber richtig Магазин = Laden, Geschäft heißen müsste. Die deutsche Bevölkerung sagte einfach Magazin dazu. Dort gab es Dinge aus der Sowjetunion zu kaufen. Ich kann mich noch an diese Naschereien erinnern.
Ich muss mal kramen, vielleicht finde ich noch die Bilder vom Russenflugplatz in Finsterwalde.


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RE: Leben in der russischen Garnison

#8 von DeutschLehrer , 11.04.2009 17:37

Weilheimer, Du hast Recht, die russischen "Riesenbonbons" sind mir auch noch in guter Erinnerung.

Gruß DL

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RE: Leben in der russischen Garnison

#9 von Weilheimer , 11.04.2009 17:41

Nicht zu vergessen, die russischen Verkäuferinnen mit diesen "Rechenmaschinen" mit den Holzkugeln, die genau so funktionierten, wie das, was wir in der 1. Klasse zum Rechnen lernen verwendeten.


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RE: Leben in der russischen Garnison

#10 von mutterheimat , 11.04.2009 17:51

Fahrzeuge konnten sie erst zu DM Zeiten kaufen. Die absoluten Renner waren, Lada, Moskwitsch, Wolga, Saporoshez. Sowie alle deutschen Fahrzeuge. Was nicht gekauft, oder besser selten gekauft wurde, waren Ausländer, wie Franzosen, Italiener, Spanier, Engländer überhaupt nicht und Amis weniger als nichts. An den Begriff Ersatzteile denken. Alle Fahrzeuge waren etwas älterer Bauart und wurden später vollgepfopft mit Ersatzteilen, (und wenn es eine Blinkerschale, oder eine Ladung Schrauben, mit passenden Muttern war). Ich hatte eine Bekannte in Meißen, welche beim Zoll gearbeitet hat und mit 4 weiteren Frauen einmal einen Panzerzug gen Rußland, (über Mukran), versiegeln mußte. Sie haben mal so einen Waggon aufgemacht und sich schinden müssen, ihn wieder zu schließen. Da hat, übertragen gesagt, keine Tüte mehr reingepasst. Dann haben sie einen Panzer aufgemacht. Dort hatte nur noch eine Person Platz, der Fahrer, vorn. Alles andere war vollgestopft mit Waschbecken, Wasserleitungen, Toilettenbecken, Matratzen, Kissen, Einkaufstüten und weiß der Geier, was alles noch. Ich habe selbst einmal eine Antonow Transportmaschine landen sehen, (Flughafen Großenhain). Ein solcher Koloss ist mit der Herkules vergleichbar und wird nur noch von der Buran übertroffen. Man kann sich vorstellen was dort reinpasst. Die Wohnungen waren etwas besser, besonders von höheren Öffizieren. Das gilt ganz besonders für die Einrichtung. Die Muschkoten durften auch nur ein einziges Mal in Begleitung eines Offizieres in die Stadt gehen, die Stadt anschauen. Kaufen konnten sie nichts, denn sie bekamen ohnehin kein Geld. Wenn ich mich recht erinnere, erhielten sie nur eine DDR Mark pro Tag. Sie bekamen auch nur einmal am Tag, maximal zweimal, etwas zu essen und haben sich deshalb früh, zur Essenausgabe, die Taschen alle vollgestopft. Fressereidiebstähle auf kleinen Feldern und Gärten, in der Umgebung, waren deshalb normal. Das heißt übersetzt, ein Gartenfreund, welcher Kartoffeln angebaut hatte, brauchte sie nur zu pflegen und zu gießen, welches Wort fehlt in diesem Satz?


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RE: Leben in der russischen Garnison

#11 von DeutschLehrer , 11.04.2009 18:43

Weilheimer, die russischen Abakusse funktionierten ja wenigstens und die konnten auch rechnen damit, was ich aber gestern erlebt habe bei einem jungem tschechischen Taxifahrer, das war die Höhe. Er wollte ausrechnen, wieviel 10 Euro in Kronen sind und da der Ankaufkurs derzeit etwas über 25 liegt, hat er seinen Taschenrechner rausgeholt und 10 x 25 eingetippt und tatsächlich 250 Kc ermittelt Ich war erschüttert.

Gruß DL

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RE: Leben in der russischen Garnison

#12 von Björn , 11.04.2009 19:20

Bei unserem Stützpunkt nebenan bekamen die Soldaten auch Mittag und Abendessen. Nach ihrem Abendessen haben wir öfters mit ihnen Fußball gespielt oder versucht, über Teile des "Trainingsparcours" zu kommen :-) Mit Hilfe bin ich dort das erste Mal über eine Eskaladierwand drüber. Die Dienstwohnung "unserer" Offiziersfamilie im Zweifamilienhaus war auch nur normal eingerichtet. Er hatte ein eigenes Motorrad (Mz) und in die Stadt sind sie mit einem Armee-Lada gefahren.


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RE: Leben in der russischen Garnison

#13 von mutterheimat , 11.04.2009 21:13

Etwas habe ich noch vergessen zu erwähnen. Die niederen Dienstgrade der Offiziere und ihre Frauen, waren absolute Meister im herstellen von Kuchen und Kompott (Eingewecktes), sowie im verkaufen von Benzin und Armeezubehör (dazu gehörten damals auch Waffen). Das war ganz besonders zu spüren, als es bekannt wurde, daß es Richtung Heimat gehen sollte. Ich erinnere mich eines Falles, als meinem Kollegen, der sein Buntfernsehgerät (ganz neuer großer Sonyfernseher) verkaufen wollte und ein Sowjet-Hauptmann es haben wollte, alles mögliche angeboten wurde. Da der Hauptmann aber kein Geld mehr in der Menge, wie gebraucht wurde, hatte, kamen sie überein den Rest des Wertes in Ware zu bezahlen. Mein Kollege hat daraufhin für die nächsten 3 oder 4 Jahre keine Kohlen für seinen Ofen mehr kaufen müssen. Soviel hat der Offizier anfahren lassen. Ich glaube, er sagte es waren 3 oder 4 große Militärlaster. Er hat jedenfalls einige Zeit schippen dürfen.


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RE: Leben in der russischen Garnison

#14 von riker73 , 11.04.2009 21:43

Zitat von mutterheimat
Ich habe selbst einmal eine Antonow Transportmaschine landen sehen, (Flughafen Großenhain). Ein solcher Koloss ist mit der Herkules vergleichbar und wird nur noch von der Buran übertroffen.


AN-124? Ist eher mit der C-5 Galaxy vergleichbar, aber etwas größer. Die C-130 Herkules ist lächerlich klein dagegen. Buran? Das war die sowjetische Raumfähre, was Du meinst ist die AN-225, die große Schwester der AN-124, die u.a. auch die Buran auf dem Rücken transportierte (die entsprechenden Halterungen sind übrigens immer noch auf der einzigen jemals flugfähigen und immer noch als Transportmaschine benutzten AN-225). Sorry, musste das mal klarstellen ;)

AN-124: http://www.jetphotos.net/viewphoto.php?id=6530836
AN-225: http://www.jetphotos.net/viewphoto.php?id=6483553
AN-225+Buran: http://www.jetphotos.net/viewphoto.php?id=6446652

Ronny

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RE: Leben in der russischen Garnison

#15 von Weilheimer , 11.04.2009 22:05

Wieso "Sorry" @Riker. Es ist doch absolut in Ordnung, wenn irgendetwas klar gestellt und verbessert wird. Es kann nicht jeder alles, bis ins letzte Detail wissen und Experte auf jedem Gebiet sein.


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