der Artikel im Zeitmagazin vom 28.10.2010 hat mich tief berührt. Gern würde mich darüber austauschen wie es anderen Ossis in ihrer neuen Heimat geht. Würde mich freuen von euch zu hören bzw. zu lesen.
Wow Bampa, erst wollte ich den Artikel gar nicht lesen, aber der ist echt mal hochinteressant, leider muß ich zu meiner Schande gestehen, dass ich nicht wußte, dass Enke vom Osten ist. Ich denke auch, dass es die Generation meiner Töchter und Söhne gibt und ihre Probleme nicht so jeder richtig erkennt. Meine Tochter hat sich durch eigene Kraft sehr gut integriert, darauf bin ich auch stolz, aber es ist natürlich auch nicht selbstverständlich, so wie das auch jeder von uns immer ganz anders erlebt. Ich fühle mich hier sauwohl, hab aber auch Verständnis, wenn das einer ganz anders erlebt und fühlt. Dein Artikel hat mich schon sehr nachdenklich gestimmt.
vielen Dank für deine Antwort. Den Artikel habe ich gestern sehr früh am Morgen gelesen und er hat mich den ganzen Tag nicht losgelassen. Am Abend habe ich angefangen mir Ostschlager rein zu ziehen und mir die ersten Bücher über die DDR bestellt. In mir ist seit dem Lesen des Artikels eine große Sehnsucht entstanden. Sehnsucht nach Wissen woher ich komme. Ich denke, dass das auch viel damit zu tun hat, dass man sich selber besser versteht. Es gibt immer wieder zwischenmenschliche Situationen die in Missverständnissen enden, die mich an meine Grenzen bringen. Ich kann sie gar nicht beschreiben bzw. die Gründe treffend erklären, es sind nur Gefühle. Und nun will ich in dieser Richtung mehr für mich tun - mit sozusagen Balsam für die Seele geben. Deswegen habe ich mich hier auch angemeldet.
Vielleicht sind deine Kinder auch in meinem Alter (33). Wäre ja mal interessant zu hören, was sie zu dem Artikel sagen.
Ich werd im Dezember 26, hab also von der DDR nicht allzu viel mitbekommen. Die alte Trennung Ost (DDR) und West (BRD) ist für mich nicht wirklich wichtig. Aber ich werd immer ein Ossi bleiben, Sachsen ist nunmal im Osten von Deutschland. Auch wenn ich seit über 5 Jahren im Ländle bin, mein zu Hause ist Baden- Württemberg und Heimat bleibt Sachsen.
Ich kann jeden verstehen, der seine Heimat vermisst. Im Artikel sagt auch jeder was anderes übers Heimatgefühl, aber beim Robert Enke werden wir es wohl nie erfahren, wie er sich entschieden hätte.
Meine Tochter ist 27,steht mitten im Leben, spricht gern mal über früher, aber ihre Heimat ist hier. Sie hat sich zu diesem Thema hier schon geäußert, ich finde den Thread einfach nicht, da sollten die Jungen über ihre Erfahrungen mit der "Auswanderung" schreiben, fand ich voll interessant.
Zitat von PaminaWow Bampa, erst wollte ich den Artikel gar nicht lesen, aber der ist echt mal hochinteressant, leider muß ich zu meiner Schande gestehen, dass ich nicht wußte, dass Enke vom Osten ist.
@ Pamina : Nicht persönlich nehmen, aber... Genau das ist ein typisches Beispiel für viele Ossis, die ihre Heimat verlassen haben, aus welchen Gründen auch immer. Ich meine nicht die, die zur Wendezeit noch mit Windeln rumliefen, sondern diejenigen, die mit Verstand oder aus Zwang in den Westen gingen. Robert Enke hat seine innere Bindung zur Heimat nie verloren, viele im Forum wollen von der Heimat nichts mehr wissen. Ich begreife nicht, wie jemand seine Heimat als bedeutungslos empfinden kann, egal, ob der Putz bröckelte oder nicht. Diesen Menschen gehen Werte verloren, denn auch diese Zeit gehört zum Leben, und ich kann mir nicht vorstellen, das alles damals so schlecht war, um jede innerliche Bindung zu kappen. Es sei denn, man gehört zu jener Art Menschen, denen die Kleinigkeiten im Leben verborgen bleiben. Das Zwitschern der Vögel im Frühling nach kaltem Winter, selbst in der Großstadt ist schon vor Sonnenaufgang die Amsel zu hören, oder ein schönes Morgen- oder Abendrot auf dem Arbeitsweg. Oft sind solche Empfindungen auf den Urlaub begrenzt, es zählen nur Job, Supermarkt, Einkaufswochenende. Kurz , Streß und Hektik, oft selbst gemacht. Man muß sich auf diese Dinge konzentrieren und vergißt darüber alles, was nicht unmittelbar wichtig ist. Vergeßt nicht zu leben, mit allen Erinnerungen, das Leben ist zu kurz als es nicht zu genießen. Robert Enke hat versucht, sich der neuen Gesellschaft anzupassen, er zerbrach daran.. Die Gesellschaft muß auch an die Menschen angepaßt werden, nicht alles im Leben ist nur mit Geld und Pflichterfüllung zu erreichen.
Sinnlos ist ein Leben ohne Sinn für Unsinn (unbekannt)
Zitat von altberlinIch begreife nicht, wie jemand seine Heimat als bedeutungslos empfinden kann.... und ich kann mir nicht vorstellen, das alles damals so schlecht war...
Das sagt alles. Deine Heimat ist die DDR, meine ist der Osten.
Der Übergang vom Affen zum Menschen sind wir. Konrad Lorenz
ich denke jeder von euch hat das Recht, zu sagen was er fühlt und denkt. Aber bitte hört auf euch gegenseitig anzueiern.
@ altberlin: Dein Beitrag kann ich absolut verstehen. Mir geht es genauso wie du es beschreibst. Mir fehlt oft die Charakteristik der thüringischen Mittelgebirgslandschaft. Die Ruhe der Gesellschaft, die ich aus meinem heimatlichen 8000 Seelen Dorf kenne. Das habe ich hier nicht in Bremen. Aber was ist mit den Menschen, die in eine Stadt gezogen sind, die der gleicht, aus der sie kommen. Zumindest an Größe, Landschaft und der gleichen. An solchen Faktoren kann man es sicher nicht festmachen, dass Menschen heimatlos werden in einer anderen Gesellschaft und im Extremfall Selbstmord begehen. Ich denke es geht um "weichere" Faktoren. Faktoren, die in der psychoanalytischen Literatur als "libidinös besetzte Objekte" bezeichnet werden. Also Dinge (das können Lebewesen, Menschen, aber auch Konstrukte wie Staatsformen oder Organisationen sein), die man lieben gelernt hat. Diese Dinge sind emotional so stark besetzt, dass man sie nicht loslassen kann. Und irgendwann vermisst man diese nur noch, ob bewusst oder unbewusst. Zumindest können keine neuen Dinge an die alten treten. Das heißt, im aktuellen Leben finde ich nichts, was mir so richtig Freude bereitet. Das kann in einer Depression enden. Meine Oma hat mir auch immer erzählt, dass sie ihre Heimat vermisst. Sie stammte aus dem Memelland. Ich denke es geht insgesamt darum, wie fähig wir sind, Veränderungen bewusst wahr zu nehmen. Wie viel behalten wir von dem was wir mal lieben gelernt haben und wie viel sind wir bereit, Neues aufzunehmen. Es gibt Menschen die sind irgendwie überall glücklich, auch wenn sie ihre Heimat verlassen. Und dann gibt es Menschen, die können ihre Heimat nie verlassen, weil sie nach einer Woche schon so sehr Heimweh bekommen, dass sie es nicht mehr aushalten.
1989 hat ein großer Umbruch für viele Menschen stattgefunden, vor allem für die Menschen aus den neuen Bundesländern die ihre Heimat verlassen haben, um Arbeit zu finden. Ich bin davon überzeugt, dass der größte Teil das nicht freiwillig getan hat und das viele Menschen mit der neuen Situation überfordert waren und sind. Damals, 1989, war es der Wunsch der Menschen, dass sich die Gesellschaft verändert. Sie hat sich auch in Dingen verändert, von denen die Menschen gar nicht wussten, dass sich diese mit verändern würden. Es ist nunmal ein anderes Leben gekommen. Ich bin deiner Meinung wenn du schreibst: "Die Gesellschaft muß auch an die Menschen angepaßt werden, ..." Aber ich denke, früher konnte man sich "fallen lassen", da so ziemlich alles organisiert war, das Leben verlief viel geregelter. Heute muss man mehr für seine Rechte eintreten, weil irgendjemand versucht dich immer irgendwie "über den Tisch zu ziehen". Aber das ist auch Freiheit.
Ich bin jedenfalls froh, ein paar Jahre DDR-Geschichte mit erlebt zu haben. Das, was ich dort in der Gesellschaft erlebt habe, das gibt es heute nicht mehr. Ich bin dankbar dafür, es mitbekommen zu haben, wie Pioniere alten Mensch über die Straße geholfen haben. Wie junge Menschen, den älteren ganz selbstverständlich im Bus ihren Platz angeboten haben. Man hat sich einfach gegenseitig geholfen. Dieses Gefühl trage ich in mir und es kann mir keiner mehr nehmen.
ein sehr schöner Beitrag, der einigen nicht so recht passen wird, aber es ist eben so. Diejenigen, die in der Fremde zerbrechen, sind zum Glück nur wenige, und es gibt Menschen, denen es gleich ist, wo sie leben, Hauptsache, die Kohle kommt. Und es gibt die dritte Gruppe, die einen starken Bezug zur Heimat hat, durch die verschiedensten Erinnerungen und Erlebnisse, und je länger diese positiv eingewirkt haben auf Grund der Lebensjahre, desto stärker wird im Allgemeinen auch die Bindung an die Heimat bleiben, egal, ob man das auch in der Praxis leben kann. Und jeder Mensch nimmt auch unterschiedlich seine Umwelt wahr, das beeinflußt ebenfalls die Fähigkeit, sich an anderen Orten mehr oder weniger zu integrieren. Das hat dann nichts damit zu tun, das einige die DDR zurückhaben wollen, diese Leute mag es geben, für mich auch nachvollziehbar. Es gibt da ganz schlimme Schicksale. Und wenn ich in der DDR groß geworden bin, Kehrwoche im Osten, hat das für mich keine politische Bedeutung, aber ich verleugne auch nicht meine Herkunft. Ich muß mich derer nicht schämen. Und ich hätte mich gern am Aufbau des Ostens vor Ort angagiert, anstatt mangels Arbeit gen Westen zu gehen. bis 2003 habe ich durchgehalten, andere sind doch 1989 schon unter dem Schlagbaum durchgekrochen, um der Heimat schnellstens den Rücken zu kehren. Mir ging es gut, ich habe nicht geklagt, doch wenn selbst Handwerker nicht mehr gebraucht werden, stimmt im ganzen System etwas nicht. Ich hoffe, das im Osten in einer angemessenen Zeit soviel Perspektiven entstehen, das nicht ein Altersheim Ostdeutschland die einzige Variante ist, und das die dort gebliebenen ihre Heimet nicht aufgeben müssen. Es gibt angenehmere Lebenserfahrungen.
Sinnlos ist ein Leben ohne Sinn für Unsinn (unbekannt)
@ Bampa, was ich hier bei Dir gelesen habe ist die Realität die auch ich erfahren habe. Es gibt auch heute noch Vertrieben aus dem Weltkrieg die hier nie richtig angekommen sind.
es ist, glaube ich, auch heute noch schwierig für einem, der im Osten aufgewachsen ist, sich hier im Westen zurecht zu finden. Das hat viele Ursachen, zum einem individuelle, zum anderen aber auch strukturelle und nicht zu letzt leben die Menschen hier ja kontinuierlich und über Jahrzehnte nach einem anderen Geist, dem eine andere Geschichte zugrunde liegt. Den Bruch, den wir im Osten erlebt haben, kennen nur Migranten. Ich bin schon 20 Jahre hier und habe mich "eingelebt", fühle mich wohl und habe einen festen Freundeskreis. Und trotzdem empfinde ich ein gewisses fremdsein, ein "aussen stehen", eine Zerrissenheit. Ich werde hier nie voll dazu gehören- ich denke, dafür bin ich zu lange ganz anders sozialisiert worden. Das fängt schon bei den täglichen Erinnerungen mit Freunden an, die nicht die gleichen waren wie drüben- Kinofilme,Comics, Süßigkeiten und tausend Dinge mehr. Ich fahre regelmäßig nach Jena, um mir meine Portion alte Heimat abzuholen, unterhalte mich mit alten Freunden, die dort noch wohnen, wir fahren auch regelmäßig in den Urlaub zusammen. Meine Familie wohnt zum größten Teil ebenfalls noch in Thüringen. Das zu tun ist für mich wichtig, um einen existiellen Teil meiner selbst nicht zu verlieren. Gib Dir Zeit zum einleben, es wird dauern. Und auch wenn hier einiges wirklich anders ist, es gibt ne Menge Menschen, die klasse sind. Es lohnt sich, sich darauf einzulassen.
Den Artikel im Zeitmagazin über Enke habe ich noch nicht gelesen. Danke für den Tipp, ich werde es nachholen. Liebe Grüße
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