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Buchtipps

#1 von henry77 , 17.01.2013 16:50

„In die Stille gerettet“

DDR-Erinnerungsliteratur ist zunehmend gefragt. Sie wird besonders dann interessant und spannend, wenn es um ehrliche Rückblicke geht, wenn aus ganz persönlicher Sicht sowohl Privates als auch Gesellschaftliches eng verwoben beleuchtet werden, wenn auch Uneingeweihte einen Einblick in die inneren Motive, in das alltägliche Denken und Handeln bekommen. Herz, Geist und Gutwilligkeit vorausgesetzt, können so weiter Brücken entstehen – zwischen Ost und West. Einer von jenen DDR-Bürgern, die dies ebenfalls versuchen, bin ich mit meinem erst kürzlich veröffentlichten Buch „In die Stille gerettet“.
In Tagebuchnotizen erzähle ich, warum „Henry“ (das bin ich), ein fast 60jähriger Mann – der den Krieg noch als Kind hat erleben müssen, der sich voller Überzeugung im DDR-Alltag einbrachte und die Wende heil überstand – mit seiner Frau in die Stille der schwedischen Wälder abhaute. Sechs Jahre nach der Deutschen Einheit! Niemand trieb uns, keiner wurde steckbrieflich gesucht, keiner verunglimpft … Träume einerseits und Unvereinbarkeiten mit neuen Zuständen andererseits?
Um weitgehend Eigenwerbung zu vermeiden, füge ich hier mal die Meinung einer Lektorin (von ihr genehmigt) aus dem Verlag Haag+Herchen GmbH aus Hanau zu diesem Buch hinzu:
Da ich immer erst den Text anschaue … , konnte ich ganz entspannt lesen und mich freuen – über die wunderschöne Liebesgeschichte zweier Menschen, die harte Zeiten erlebt haben und doch im Herzinneren stets beieinander waren und sind.
Das Buch ist schön aufgebaut. Natürlich chronologisch, ich meine aber inhaltlich. Es besteht im Grund aus zahlreichen Mosaiksteinchen des Lebens, die wie eine Loseblattsammlung beginnt und dann nach und nach zu einem dichten Lebensteppich zusammenwächst unter einem Grundthema – Liebe.
Erinnerung … , es sind die kleinen Momente, … die unser Erleben prägen, … In Ihrem Fall ist das Cleo, grad heraus, unverblümt, herzlich und konstant, wissend und mutig und Sie, Lehrling, NVA-Offizier, Journalist, dann die Arbeit beim Fernsehen und die zweite Karriere, Schreiben, Malen, Auswandern.
Es sind kleine Spotlights, die den Weg zurück beleuchten, angefangen bei den Erinnerungen der jungen Mutter Tamara, die ihre Zukunft träumt und sie doch nie finden wird, anders als ihr Sohn, der sofort weiß – die ist es.
… Die Momente des Mauerfalls aus dieser Sicht sind sehr interessant, zumal es im ehemaligen „Westen“ bis heute nicht wirklich klar ist, was das für ehemalige Ostler bedeutet hat – die Tochter flüchtet, der Vater muss Rede und Antwort stehen in einem System, das es nicht mehr gibt, in dem aber alle aufgewachsen sind, das für alle als „wahr“ galt – eine ausgesprochen schwierige Situation.
Das Leben in Schweden bringt wieder Ordnung innen und außen, Ruhe und Gemeinschaft und das, was wirklich wichtig ist – menschliche Nähe, Gespräche und Zweisamkeit, die Natur und die enge Verbundenheit innerhalb der Familie, auch das sehr auffallend im Gegensatz zu so vielen Berichten der gleichen Zeitepoche aus „Westsicht“, in denen es überwiegend um Egoismus und Trennung geht und um die Frage, wer wen wie ausnimmt.
… Starke Frauen begleiten Ihren Lebensweg, das hat mich sehr beeindruckt.
Sie fragten, … ob manches nicht zu privat ist - … Es ist eher berührend und zauberhaft und von daher kostbar, nicht nur für Sie als Paar, sondern auch für den Leser, der sich so etwas wie Ihre Ehe natürlich auch wünscht (und hoffentlich lebt). … Es ist ein Herzenstext, …

Christine Krokauer, Lektorat
Harry Popow: „In die Stille gerettet“. Persönliche Lebensbilder. Engelsdorfer Verlag, Leipzig, 2010, 308 Seiten, 16 Euro, ISBN 978-3-86268-060-3

Hier findet Ihr mich auf meinem Blog:
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henry77
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Buchtipp

#2 von henry77 , 17.01.2013 16:54

Nordlandfahrer

Buchtipp von henry77

Nordlichter! Wer wünschte sich nicht, dieses faszinierende Naturschauspiel selbst erleben zu dürfen. Faszinierend, wie der Autor des Buches mit dem Titel „Fast ein ganzes Menschenleben“ dies beschreibt. Ein seltsamer Tanz der Farben und des Lichts. Kalt zwar, aber das Herz erwärmend. Der Autor war dort im Norden. Nicht nur einmal. Als Globetrotter hatte er mit seiner Frau u.a. Finnland, Schweden und Norwegen bereist. Und das gezeigt, was Menschen auszeichnet: Entdeckerfreude und Neugier. Und nun hat der 1932 in Breslau geborene Mann eine Autobiographie geschrieben.

(Harry Luckner „Fast ein ganzes Menschenleben. Auf holprigen Wegen vergangener acht Jahrzehnte“; ISBN 978-3-86268-205-8, 1.Auflage 2011, Engelsdorfer Verlag Leipzig, Preis: 16,00 EURO)

Der Titel klingt etwas müde, aber ich habe dieses Buch mit großem Interesse gelesen. Warum? Weil meine Frau und ich selber neun Jahre in Schweden wohnten und nicht eine Minute bereut haben. Wir kehrten nach der sogenannten Wende Deutschland aus unterschiedlichen Motiven den Rücken. Vor allem ich wollte abschalten.

Kurz: Der Autor des obigen Buches, er wohnt in Westfalen, wollte einen Ostler finden etwa gleichen Alters, um zu verstehen, wie der denn alles so erlebt hatte. Er fand im gleichen Verlag das Buch mit dem Titel „In die Stille gerettet“. Er suchte meine Adresse heraus und sendete mir eine E-Mail: „..stöberte ich in den Verlagsseiten und stieß auf Ihren Autorensteckbrief. Ihr Buch habe ich bestellt um es zu lesen. Persönlich möchte ich sie um ein paar Ratschläge bitten,…“

Den Ostautor freute das. Nicht aus kommerziellen Gründen – das kann ein namenloser Schreiber bei diesem Buchgetümmel auf dem hart umkämpften Markt vergessen, sondern aus menschlichen Gründen. Möchte er doch mithelfen, Brücken zwischen Ost und West zu bauen, mehr von den Lebensläufen voneinder zu erfahren. Die sind besonders dann interessant und spannend, wenn es – von beiden Seiten - um ehrliche Rückblicke geht, wenn aus ganz persönlicher Sicht sowohl Privates als auch Gesellschaftliches miteinander eng verwoben beleuchtet werden, wenn auch Uneingeweihte einen Einblick in die inneren Motive, in das alltägliche Denken und Handeln bekommen.

Nun aber wollte ein „Normalbürger“, wie er sich selber bezeichnet, mein Buch lesen. Auch ich kaufte sein Buch. Und bin nicht enttäuscht worden. Da blättert er sein Leben vor dir als Leser auf. Seine Kindheit in Breslau, seine Erlebnisse nach 1945, als die Familie – wie tausende andere auch – nach Westdeutschland evakuiert wurden. Die Schwierigkeit, als Kriegs- und Flüchtlingskind einen Schulabschluß hinzukriegen. Sehr früh gründet er eine Familie. Er versucht sich immer wieder in neuen Berufen, bis er mit seiner Familie gut von seiner Tätigkeit leben kann.

Seine Beobachtungsgabe, seine Kontaktfreudigkeit zu anderen Menschen, seine Naturliebe, seine Lust am Abenteuer, nicht zuletzt – sein urwüchsiger Witz und seine große Liebe zu seiner Frau und den Kindern – das alles wird erst so richtig sichtbar in seinen Berichten u.a. aus den Reisen nach Skandinavien. Da leuchtet etwas auf an Natürlichkeit, an Menschlichkeit, die in einer egoistischer werdenden Welt aufhebenswert ist für die Nachkommen.

Harry Luckner betont, dass Heimat für ihn dort ist, wo er gut leben kann. So einfach ist das. Man denke an die Geschichte von Leo Tolstoi „Wieviel Erde braucht der Mensch?“ Darin ging es um die Gier eines Bauern, mehr Land haben zu wollen, als er eigentlich bearbeiten kann. Daran ging er zu Grunde. Heute sind die Läden zwar voll mit allem was das Herz begehrt, aber das, was ihn erst innerlich reifen läßt und seine Würde unterstreicht, das ist die Arbeit, eine bezahlbare Wohnung und eine bezahlbare Gesundheitsversorgung. Und die Liebe. Und das in einem Gesellschaftssystem, das dies durch eine andere Verteilung des Reichtums als Rahmenbedingung garantieren könnte.

Erstaunlich, zu welcher Erkenntnis der westdeutsche Autor kommt, wenn er schreibt, trotz anfänglicher Staatsgläubigkeit heute den Glauben an den Staat wegen der Globalisierung, der zunehmenden Proftgier und der starken Kluft zwischen Arm und Reich verloren zu haben.

Die Offenbarungen des Autors sprechen von einer rückhaltlosen Ehrlichkeit – ohne Wenn und Aber. Er pflegt von Anbeginn einen faktenreichen Berichtsstil, gewürzt mit zahlreichen interessanten Vergleichen, einem selbstkritischen Ton und herzhaftem Humor.

Nordlichter? Sie wärmen nicht, aber sie muß man entdecken wollen – und so wirkt auch jeder ehrlich geschriebene Lebenslauf wie ein faszinierendes Feuer der Lebenslust, ansteckend und nachdenklich stimmend.

Und was meint Harry Luckner zum Buch seines Ostlers, der auch Harry heißt: „Zu deinem Buch muß ich Dir sagen, das auch wir Deine aufrichtige Ehrlichkeit entdeckt haben, und um Deine Gefühle nach der Öffnung der Mauer zu begreifen, haben wir beide, Waltraud und ich, Dein Buch ein zweites mal mit ´Verstand´ gelesen. Heut möchte ich fast sagen, diese beiden Bücher gehören zusammen. Wir widersprechen uns darin in keinster Weise, obwohl sich unser Leben in zwei total gegensätzlichen Systemen abspielte, und wir beide uns bis heute noch nie gesehen haben.“


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Buchtipp

#3 von henry77 , 17.01.2013 16:58

Hans-Dieter Mäde: Fragmente einer Motivation

„Nachricht aus Troja“

Buchtipp von henry77

Wer tief schürft, wird manches finden. Das betrifft bei Weitem nicht nur die damaligen Wismutleute im Erzgebirge, die nach der Befreiung 1945 im Interesse des Weltfriedens nach Uranerz (notwendig für den Bau von A-Bomben in der UdSSR) suchten und fündig wurden. Das geht wohl jedem Menschen so, der nach Erkenntis sucht, nach größerem Wissen forscht, sein Leben zurückblickend neue Nuancen seines Denkens, Fühlens und Tuns abzuklappern gedenkt. Wichtig dabei sei, so Thomas Mann, „daß man mit dem möglichst geringsten Aufwand von äußerem Leben das innere in die stärkste Bewegung bringe; denn das innere ist eigentlich der Gegenstand unseres Interesses.“

Hans-Dieter Mäde hat das getan. Ein bekannter DDR-Regisseur, geboren 1930 in Krakow, aufgewachsen in Schwerin, als Generalindendant und Chefdramaturg an verschiedenen Theatern tätig in der DDR, zuletzt u.a. Regisseur am Maxim Gorki Theater Berlin und Generaldirektor des DEFA-Studios für Spielfilme Potsdam-Babelsberg. (Nach langer schwerer Krankheit 2009 verstorben.)

Was er in seinem Buch (der Text, entstanden seit Mitte der 90er Jahre unter Mitarbeit seiner Frau Karin Lesch und seines Sohnes Michael Mäde, wurde aus dem Nachlaß herausgegeben) „Nachricht aus Troja“ ans Tageslicht förderte, wird all jene begeistern, die ebenso wie er nach 1945 nach neuen Wegen suchten, aus dem Dilemma der Kriegs- und Nachkriegswirren herauszukommen und sich dort einzubringen, wo endlich etwas Neues entstehen sollte: Und das war zweifellos im Osten Deutschlands der Fall.

Bemerkenswert, wie Mäde bereits als Jugendlicher seine Lebensbahnen in die Richtung von Literatur und Theater gerichtet hat und – das ist nicht zu bestreiten – im neuen gesellschaftlichen Milieu den Nährboden und seine Chancen sah, an der großen Umwälzung teilzuhaben. Jedoch nicht nur als Nehmender, als inaktiver Mitarbeiter, sondern als stets Suchender. Eine Position, die ihm wohl Glück in der Arbeit als auch manche Unbequemlichkeiten mit den Staatenlenkern einbrachte. So schreibt Mäde auf Seite 169: „ Das von mir für zeitgemäß gehaltene Losungswort vom Ideal, für das ich Hamlet antreten ließ, ging von diesem Gorkischen Glaubenssatz aus“, der da lautete, der forschende, suchende Held sei für ihn unvergleichlich wertvoller als der, der bereits fest in seinem Glauben steht und sich dadurch „vereinfacht“ habe.

Das Grundgefühl nach der endlichen Befreiung vom Faschismus, ausgehend von den Bedürfnissen der Zuschauer, charakterisiert der Autor so: „Das Ideal von einem vernunftgelenkten Zusammenleben hatte Chance durchzubrechen. Das hieß auch: Wir stehen erst am Anfang. Jetzt kann es beginnen.“ (S. 164) Mit seinen Nachrichten aus dem Vergangenen wolle er, Hans-Dieter Mäde, Wege rekonstruieren, die ihn ans Regiepult führten und Motiven nachspüren, die seine ersten selbständigen Theaterentscheidungen beeinflußten.

Und das tut er so umfassend, dass es den Lesern eine reinste Freude sein kann, den alten Bekannten an Dichtern, Schriftstellern, Schauspielern und Theaterstücken in diesem Buch wiederzubegegnen, u.a. Goethe, Thomas Mann, Tschechow, Brecht, Puschkin, Winterstein, Gorki, Ostrowski, Felsenstein, Shakespeare, Pasternak, Belinski, nicht zu vergessen Ernst Bloch, von dem sich der Autor in philosophischen Fragen an „die Hand nehmen ließ zu einer Wanderung durch die ´menschliche Wunschlanschaft´.“

Wer Ähnliches durchlebt hat, wird verstehen, welch ein Genuß es ist, sich mit Erkenntnissen – sowohl aus der umgebenden Realität als auch aus denen der gelesenen Literaturen jene Motivationen herauszusaugen, die einem Mut machten, immer nach vorne zu sehen, aber auch Kritisches in den Focus zu nehmen. So nennt Mäde Hamlets Ideale, die er in sein „Motivationsarsenal“ aufgenommen hatte, ebenso – um nur ein Beispiel zu nennen – sein persönliches Zusammentreffen mit Walter Felsenstein, dessen Vorstoß auf das Totale, nämlich das „gesamte Beziehungsgeflecht von Werk – Zeit – Wirklichkeit – Darstellung – Zuschauer“ neu zu befragen und Antworten vorzuschlagen. Und: Glück sei ohne Prüfung und Standhaftigkeit nicht zu gewinnen. Felsenstein habe uns mit unseren Halbheiten und unserem alltäglichen Opportunismus konfrontiert.

Felsenstein zitierend schreibt der Autor auf Seite 88: „Ich bin ein Fanatiker der Wahrheit, weil Form ohne Wahrheit Dreck ist.“ Mäde gesteht, den Ensembles, in denen er arbeitete, oft auf die Nerven gefallen zu sein mit seinen „unermüdlichen Ermahnungen und Beispielen, wie man sich ideelle Bereicherung“ aus der Komischen Oper in der Behrenstraße holen könne. „…für das, was ich an der Sache für das Wesentliche hielt, war ich bereit, mich herumzuprügeln, es war für mich zu einer Gesinnungs- und Weltanschauungsfrage geworden“, so der Autor. Schließlich ging es, meint Mäde, um unglaubliche Überanstrengungen im Kalten Krieg, um keine andere Alternative als um „Wer – Wen?“. Doch mit Widerstand hatte es, so Mäde, in keiner seiner Lebensphasen zu tun. Er wolle das anmerken in einer Zeit,, „in der man sich von einer nie geahnten Schar von Regimekritikern und Reformpolitikern umgeben sieht“. Vermittelt durch Lehrer und Künstler der unmittelbaren Kriegsgeneration spricht er Klartext: „Die antifaschistische Position ging als erstes, grundlegendes Element in meine Motivation ein, sie war eine erworbene, durch Erlebnis und Anschauung gestützte, durch gedankliche Verarbeitungsanstrengung fundierte Konstante…“

Im tiefen Schmerz den Untergang „Trojas“, der DDR, bedauernd, kreidet er die politischen Floskeln an, die „bei der Verdrängung mancher individueller Konflikte Hilfsdienste leisteten“ (S. 28), die Verdrängung der Generationsfrage als einer Abart der bürgerlichen Ideologie, die totale Ratlosigkeit der Macht vor den „Ansprüchen und Affekten der Generation, die den Krieg nicht mehr gesehen und den gewöhnlichen Kapitalismus nur aus primitiv-vereinfachendem Hörensagen … kennengelernt hatte“ (S. 110), das Festhalten an der liebgewordenen linearen Fortschrittsvorstellung (S.121), dass „die sozialistischen Gesellschaften den Platz nicht auszumachen wußten, den die Lüste, Freuden, Späße und Genüsse in der dynamisch-hierarchischen Struktur der Antriebe“ einnehmen (S. 275) und schließlich, dass die „Hypothesen über die Wechselwirkung von veränderten Lebensumständen und Erziehung“ nicht stand hielten. (S. 276)

Der Autor Mäde resümiert: Heute regeln sich die Dinge wieder über die Brieftasche. Ihn erstaune, in welchem Tempo sich die Neue Ordnung – den Kommerz als einzigen Maßstab zu akzeptieren – durchgriff. (S. 221) Schlimmer noch: Das Ende der europäischen sozialistischen Staaten habe ein Ende der Gewalt nicht näher gebracht, „auch keine Zunahme von Güte und Toleranz.“ Die „neue Weltordnung“ ziehe eine frische, mörderische Spur von Blut und Gewalt aus dem vorigen ins gerade angebrochene Jahrhundert…“ (S. 121)


Dem Autor Mäde stellt der Rezensent den Schauspieler Eberhard Esche (Deutsches Theater) zur Seite, der in seinem Buch „Der Hase im Rausch“ zu den neuen Mißständen u.a. formulierte: „Die Zeitläufe sind so geraten, daß kleinbürgerliche Seelchen die großstädtischen Theater Europas … beherrschen.“ Es lohne nicht einmal die Polemik gegen diese Vize-Lümpchen, die die Zerstörung der Theater und damit unserer Kultur betreiben. Er beklage sich nicht, denn er – Eberhard Esche - hatte das Glück, Maßstäbe zu lernen. So ergänzen sich ein Regisseur und ein Schauspieler, die beide – und mit ihnen viele Millionen DDR-Bürger – ihr behütetes Glück lebten. (S. 102)

Gleich dem Autor Mäde nimmt wohl auch mancher Leser im tiefsten Inneren wahr: Was jetzt Wirklichkeit ist, hat ferngerückt, mit welchen Absichten wir angetreten sind. Immer noch liege Gorki dem Autor mit der Frage in den Ohren, die seine Gestalten mit stoischer Hartnäckigkeit wiederholen: „Und so wollt ihr also tatsächlich leben?“ (S. 239)

„Nachricht aus Troja“ ist ein anstrengendes aber lohnenswertes Buch. Es steht dem Zeitgeist entgegen und ordnet sich gerade deshalb würdevoll in die Reihe der bereits aus über tausend Bänden bestehenden Erinnerungsliteratur zur DDR-Geschichte und ihren Erfolgen und Versäumnissen ein.

Diesem Satz des Autors ist wohl erst recht zuzustimmen: „Die Gründlichkeit, mit der Troja geschleift wurde, konnte nicht verhindern, daß Nachrichten an die Späteren kamen von denen, die trotz allem ´Mut schöpften und gute Hoffnung´.

Tief schürfen - das muß man also erst einmal wollen. Ohne das läuft gar nichts. Ohne dem bist du ein Anhängsel, ein nur Gläubiger, eine Marionette in den Händen anderer. Es sei denn, man gibt sich selbstzufrieden mit einem ewigen Taumel zwischen hoher Sinngebung und Barbarei…


Hans-Dieter Mäde: „Nachricht aus Troja“, Fragmente einer Motivation, Taschenbuch: 292 Seiten, Verlag: Edition Schwarzdruck; Auflage: 1 (8. März 2012), Sprache: Deutsch, ISBN-10: 3935194498, ISBN-13: 978-3935194495, 24 Euro

Erstveröffentlichung in der Neuen Rheinischen Zeitung

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RE: Buchtipp

#4 von queeny , 20.01.2013 10:44

Hallo Henry77!

Danke für Deine Beiträge. Das Lesen der Beiträge ist/war für mich ein wahrer Genuss.

Ich werde mir das Buch "In die Stille gerettet" besorgen und lesen. Bin sehr gespannt wie es mir gefallen wird. Werde später hier einen Kommentar dazu abgeben.

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Wenn Ihr Eure Augen nicht braucht um zu sehen, werdet Ihr Sie brauchen um zu weinen.

Jean-Paul Sartre

 
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zuletzt bearbeitet 20.01.2013 | Top

RE: Buchtipp

#5 von henry77 , 20.01.2013 13:03

Hallo queeny, danke für Deine Meinung. Ich wünsche Dir, möglichst nicht einzuschlafen bei einem Buch, das gottseidank kein Bestseller sein kann und darf... Herzlichst henry77


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Buchtipps

#6 von henry77 , 23.01.2013 14:35

Krieg und Frieden
Wie die Auslandseinsätze der Bundeswehr Deutschland verändern

„Heimatdiskurs“

Buchtipp von henry77

Mächtig in der Zwickmühle stecken sie - die Bundesregierung und die im Hintergrund strippenziehenden Kapitalmächtigen. Sie müssen einen Zweifrontenkrieg führen. Zum einen ziehen sie nach wie vor unter dem Deckmantel der „Aufbauhilfe“ weiterhin eine Spur der Gewalt durch Afghanistan – zum anderen sind sie in Nöten, an der „Heimatfront“ wortreich und unter aller Ausschöpfung des Verdummungsarsenals vor der eigenen Bevölkerung die Kriegstaten zu legitimieren. Mit welcher Raffinesse das geschieht, dazu gibt es nunmehr ein Buch, das versucht, Leuchtraketen in den Diskurs- und Mediennebel zu schießen. Der Titel: „Heimatdiskurs“, herausgegeben von Michael Daxner und Hannah Neumann.

„Erst Kosovo, dann Afghanistan – deutsche Soldaten sind im Ausland stationiert, Deutschland ist wieder im Krieg“, so heißt es im Klappentext. Gleich der erste Satz in der Einleitung geht so: Hoffentlich kommen wir mit dem Buch nicht zu spät. Behauptet wird, die Einsätze würden nicht nur die Rolle Deutschlands in der Weltpolitik, sondern vor allem die Wahrnehmung der Nation von sich selbst verändern. Zwanzig Autoren bemühen sich in 10 Aufsätzen und auf 337 Seiten um die Empathie (die Fähigkeit, andere zu verstehen) „für die Intervenierten und das Verständnis für diejenigen Intervenierenden, die nicht einfach blind einem Interventionsauftrag folgen“. (S. 10)

Wichtig ist, welche Ursachen die Autoren für die Verschleierungs- und Legitimationspolitik der Bundesrepublik offenlegen. So wird auf Seite 309 unterstrichen, die Bundesrepublik befinde sich in einer Machtposition und sei „somit daran interessiert, diese Macht zu erhalten“. Das Dilemma zeigt sich in einem weiteren Satz, in dem festgestellt wird, dass die deutsche Bevölkerung Krieg grundsätzlich ablehnend gegenübersteht. Auf die Konstruktion einer permanenten Bedrohungssituation eingehend – die Gegenmaßnahmen erfordere - ,verweisen die Autoren auf den „Profit eines lukrativen Geschäftzweiges, den man Terrorismusindustrie nennen könne“. (S. 255) Weiter auf Seite 266 die folgende Äußerung: Eine nüchterne Evaluation (Analyse, Bewertung) „des Terrorismus, seiner Ursachen und seiner Akteure wäre deshalb ebenso vonnöten wie eine klare Vorstellung davon zu gewinnen, wo westliche Politik selbst Gewalt eskaliert“.

Mit diesen kurzen Anmerkungen ist noch nicht der wahre Hintergrund des militärischen Einsatzes – sprich Krieg – in Afghanistan erhellt. Mögen dabei viele Momente der Begründung ins Spiel gebracht werden, so kommen wir den Ursachen durch ein Zitat von Jürgen Todenhöfer etwas näher: „Den Westen aber interessieren die Menschen (…) nicht wirklich. (…) Öl und das Machtspiel im mittleren Osten sind ihm wichtiger.“ (S. 238)

Auf den Punkt bringt es Patrick Köbele in der „jungen welt“ vom 10.01.2013, indem er den bürgerlichen Staat als eine Form der Herrschaftsausübung des Kapitals, eine Form des Kapitalismus darstellt. Er stellt fest, was nicht neu ist, dass der bürgerliche Staat einen permanenten Widerspruch darstelle. „Einerseits hat er seinen Klassenauftrag, und andererseits versucht er zu vermitteln, daß er quasi »neutral« über diesem Auftrag steht. Und es gibt Institutionen und Personen, die für diesen Spagat stehen, manche meinen es sogar ehrlich und handeln entsprechend. Deshalb ist es gut und wichtig, an diesem Widerspruch anzusetzen.“

Deshalb ist es gut, wenn die Autoren von „Heimatdiskurs“ den Mechanismus der Verschleierung von neuen Machtansprüchen offen und kritisch hinterfragen, den Spagat zwischen militaristischer Außenpolitik und dem Bemühen, das deutsche Volk glauben zu lassen, es gehe um die Freiheit und Sicherheit der Deutschen.

Was steckt hinter dem Begriff Heimatdiskurs? Auf Seite 29 wird dazu eine Begriffsbestimmung gegeben: „Heimatdiskurs bezeichnet die Summe aller diskursiven Praktiken und Strategien, die sich mit der Legitimation, Anerkennung und Bewertung von Politik und Truppeneinsatz außerhalb des nationalen Territoriums befassen.“ (S. 29) „Heimatdiskurs“, das sei zunächst eine deutsche Angelegenheit „und er ist immer auch eine der intervenierten Gesellschaften, also besonders Afghanistans (…)“. (S. 65) Zum Begriff Interventionen wird auf Seite 34 festgehalten: Das Nichteinmischungsgebot werde ausgehebelt und Interventionen werden moralisch begründet und normativ legitimiert. Im Vordergrund stünden „Mechanismen globaler – und damit lokaler – Konfliktregulierung (…)“. (S. 35)

Zur Legitimation der Kriegsführung gehört zunächst die Beschreibung des Feindbildes. So frage die Analyse, welche Bedeutung eine Verkürzung der Taliban „auf radikal-islamische Akteure“ habe. Man komme zu dem Schluss, „dass eine Darstellung der Taliban als Terroristen, als Tiere, die es zu jagen gilt, ihnen den Subjektstatus versagt“. Und mit Tieren verhandelt man nicht, schon gar nicht auf Augenhöhe. (S. 112) Auf den Seiten 96-97 finden wir folgende Methaphern zur Bezeichnung der „Feinde“: Taliban als Bazillus, als Gotteskrieger, als fundamentalistische Teufel, als Schattenreich, als Räuberbanden, um nur einige zu nennen. Hinzu kommt die kulturelle Abwertung der Afghanen als „Stamm“ - eine Bezeichnung aus der Kolonialzeit. Sie will besagen, die afghanische Gesellschaft habe sich nicht weiterentwickelt. (S. 101) Demgegenüber entstehe „das Bild vermeintlich überlegener westlicher Intervenierender, welche/r die AfghanInnen entweder beschützen, oder aus ihrer Unmündigkeit befreien müssen,“ so die Autoren. (S. 103) Auch internationales Völkerrecht gilt nicht für Tiere. (S. 109) Diese Dehumanisierung stehe im Zeichen bester Kriegs- und Mobilisierungsrhetorik. (S. 84)

Auf den Seiten 244-262 begründen die Autoren, „warum Terrorismus keine existenzielle Bedrohung für westliche Staaten darstellt“. (S. 244) Ohne ihn zu verharmlosen, sei „das statistische Risiko, Opfer eines Anschlags zu werden, sehr niedrig.“ (S. 257). „Indem dem Terrorismus eine solche Bedeutung zugeschrieben wurde, wurde die politische Sache der Islamisten unglaublich aufgewertet“, so die Meinung der Autoren. Ein großes Risiko des Terrorismus: Er führe zur „Versuchung der Herrschenden, ihre Macht auf Kosten der Freiheit im Namen der Sicherheit auszubauen“. (S. 262) Schlußfolgernd für die Außenpolitik halten die Autoren fest: Es mache keinen Sinn, „die Welt nach eigenem Vorbild gestalten zu wollen (…). (S. 267)

Schützenhilfe in der Berichterstattung über angebliche Bedrohungen durch den internationalen Terrorismus leisten zweifelsfrei die bürgerlichen Medien. Dazu die Autoren auf Seite 71: Ihnen wird oftmals „Neutralität und Objektivität zugeschrieben“. Dabei unterliege die mediale Berichterstattung einer „Eigenlogik, die selbstproduzierten Gesetzmäßigkeiten folgt und für die Verzerrung zwischen wahrgenommener Realität vor Ort und Berichterstattung in den deutschen Wohnzimmern (mit-)verantwortlich ist“. (S. 71) (Siehe hierzu Karl Marx: „Die erste Freiheit der Presse ist es, kein Gewerbe zu sein.) Auf Seite 75 ist folgender markanter Satz bezüglich der Medien zu lesen: Sie „werden zum Schlachtfeld um Legitimität und Anerkennung (…) und oft selbst zum politischen Akteur und Kämpfer in der Schlacht (…). (S. 76)

Was die Bundeswehr betrifft, so stellen die Autoren fest, dass das sorgsam gehegte Bild eines „Staatsbürgers in Uniform“ mit dem militärischen Auslandseinsatz neu verhandelt würde. Die Bundeswehr solle mit der internen Umstrukturierung zu einer professionalen Interventionsarmee werden. Zugegeben wird die zunehmende Verlagerung weg vom zivilen Aufbauhelfer, hin zum Kämpfer. Er diene einer gerechten Sache, so wird den Soldaten suggeriert. Bilder von Soldaten im Friedenseinsatz als Krieger und als Helden? Wird der Nachkriegspazifismus scheinbar unterlaufen, fragen die Autoren. Deren Antwort: „Scheinbar, weil es nicht ausgemacht ist, dass einfach ´der Schoß noch fruchtbar ist, aus dem das kroch.´“

Kritisch vermerkt wird auf Seite 226 die Frage nach den gesellschaftlichen Voraussetzungen, die über die militärische Einsatzfähigkeit hinausgehe, die wenig thematisiert werde. Wörtlich: „Interventionen als Bestandteil der Außen- und Sicherheitspolitik (…) verweist aber gerade auf viele Voraussetzungen. Jedenfalls dürften Interventionen dann keine Projekte politischer und militärischer Eliten sein, die dem Volk lediglich verkauft werden.“

„Heimatdiskurs“ hellt dankenswerterweise die Mechanismen der Volksverführung auf, bleibt allerdings in der grundsätzlichen Gesellschaftskritik hinter den Erwartungen zurück. So bleibt es dabei: Die Zwickmühle der Herrschenden zwischen Legitimationsakrobatik der Auslandseinsätze und den wahren Ursachen für die zunehmende Militarisierung, für die Gewöhnung an Krieg, Blut und Opfer im Kampf um Ressourcen und Mitsprache in der Weltpolitik wird weiter zwicken. Ein Zweifrontenkrieg ohne Ende?

Die Autoren fragen, wie sich durch die Auslandseinsätze der Bundeswehr Deutschland verändert. Ist es die Gewöhnung an einen weiteren Gewaltweg, an Interventionen, die zum Normalfall werden sollen? Kapieren die Mächtigen nicht, dass Krieg das ungeeignetste Mittel ist, Frieden zu schaffen? Zukunftsträchtiger wäre es, die Frage umzudrehen! Dafür darf es nicht zu spät sein.

Möge der nicht mit leichter Hand geschriebene wissenschaftliche Text - eine etwas mehr populärere sprachliche Gestaltung hätte man sich gewünscht – dennoch seine Leser finden.

Michael Daxner: „Heimatdiskurs“, Hannah Neumann (Hg.), Broschiert: 337 Seiten, Verlag: Transcript; Auflage: 1. Aufl. (November 2012), Sprache: Deutsch, ISBN-10: 3837622193, ISBN-13: 978-3837622195, Größe: 22,6 x 14,8 x 2,4 cm

Erstveröffentlichung in der Neuen Rheinischen Zeitung

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zuletzt bearbeitet 23.01.2013 | Top

"Mein Leben in der Piratenpartei 2012"

#7 von henry77 , 19.02.2013 11:23

Ein politisches Tagebuch von Jo Menschenfreund

Buchtipp von henry77

Jeder hat seine eigene Sicht, aber nicht jeder sieht etwas, das besagt ein polnischer Aphorismus. Die Politik macht es uns vor, jeder quasselt auf Teufel komm raus, mehr oder weniger substanzreich. Meist weniger. Unsere Zeit aber benötigt Sehende, Nachdenkliche, Handelnde, kritische Sichten. Licht ins Dunkel zu bringen, Klartext zu sprechen - das ist eine Frage des Überlebens geworden auf diesem Planeten Erde, eine Frage des Charakters, des zielgerichteten politischen Kampfes. So wie das in linksgerichteten fortschrittlichen Zeitungen, in online-Beiträgen und vereinzelt in Parteien geschieht. Das neueste erfeuliche Beispiel: Das 461 Seiten umfassende Buch von Jo Menschenfreund (Pseudonym) mit dem Titel „Mein Leben in der Piratenpartei 2012“.

Jo Menschenfreund ist Gründer der AG Friedenspolitik und zum Zeitpunkt der Erstellung des Buches einer der für drei Monate gewählten Sprecher des basisdemokratisch organisierten „Sozial Progressiven Piratenkreises“ innerhalb der Piratenpartei. Zu seinem Buch meint er, es sei keine vollständige Geschichte der Piratenpartei, er beschreibe lediglich Vorgänge und Erlebnisse „aus der subjektiven Sicht eines engagierten Aktivisten…“

Doch Skepsis ist angebracht. Da sollte man sich schon angesichts der bisherigen politischen Unterprofilierung dieser anfangs in der Gunst der Wähler nach oben geschnellten Piratenpartei fragen, welche Sicht auf die Partei und auf die Welt Jo Menschenfreund hat? Welche Vorstöße unternimmt der Autor, um sich und damit auch die Partei fester zu positionieren? Welche Spuren nimmt er auf?

Ins Auge fällt, mit wie vielen Themen sich der Autor auseinandersetzt. Da geht es laut Inhaltsverzeichnis u.a. um das Innenleben der Piratenpartei, um Basisdemokratie, um Rassismus, um das Grundgesetz, um die Manipulation durch die Medien, um die Bankenkrise, um die Antideutschen und deren versuchtes Eindringen in die Piratenpartei, um Nazis, um Friedenspolitik, um Terrorismus, um Menschenrechte, um Drohnen, um Verschwörungstheorien. Es geht um Erwartungen, Hoffnungen, Initiativen, Auseinandersetzungen, Enttäuschungen und Aussichten. Drei der wesentlichen Themenkomplexe möchte der Leser besonders ins Auge fassen: Krieg, Europa und Antiimperialismus.


Auf den insgesamt 461 Seiten finden sich etwa 222 Vokabeln zum Krieg. Will man Wörter suchen, die die Ursachen von Kriegen markieren, dann gibt es fünfmal die Bezeichnung Monopol, 30 mal das Wort Imperialismus (das man in den bürgerlichen Medien kaum findet), dreimal das Wort Ausbeutung, einmal die Vokabel Mehrwert. Nach solchen Wörtern wie Privateigentum, Eigentumsverhältnisse und Profitmaximierung sucht man allerdings vergeblich.

Bereits im Vorwort positioniert sich der Autor: Er wolle eine politische Programmatik mithelfen zu entwickeln, „die eine moderne Friedenspolitik im 21. Jahrhundert dem Konzept des ´Recht des Stärkeren` aus der Zeit als wir noch in Höhlen wohnten, gegenüber stellt.“ Braucht er dazu Mut? Er beantwortet sich die Frage selbst: Nur wenige würden sich trauen, öffentlich auszusprechen was sie denken, wurde dies doch über Jahrzehnte als "kommunistisch" oder "sozialistisch", als "Spinnerei" oder "weltfremd" bezeichnet, bzw. besonders neuerdings als „antisemitisch“, „rechts“ oder „Querfront“.


Und so nimmt er kein Blatt vor den Mund, die Enttäuschungen nach dem Zusammenbruch des Ostblocks folgendermaßen zu charakterisieren: Es hatten „viele Menschen die Hoffnung, dass jetzt eine Zeit des Friedens, der Abrüstung beginnen würde. Und was haben wir erreicht? Atomwaffen, netterweise jetzt „Mini Nukes“ genannt sind nicht mehr Abschreckungswaffen, sondern Teil des normalen Kriegsszenarios der Nato. Es wird mehr statt weniger in Rüstung in der westlichen Welt ausgegeben. Wir haben mehr Kriege als jemals vorher. Und wir stehen heute vielleicht näher vor einem 3. Weltkrieg als zur Zeit des Eisernen Vorhangs und der gegenseitigen Abschreckung.“ (S.111)


Jo belegt diese Aussage zusammenfassend: „Alle Welt spricht von den ca. 3.000 Toten durch den Terroranschlag von 9/11. Und die toten US-Soldaten aus dem Irak- und Afghanistankrieg werden einzeln als Helden geehrt. Schon viel weniger denken an die über 1,75 Millionen nicht US-Bürger, die durch die Kriege zu Tode kamen. Noch weit weniger reden von den tausenden, vielleicht zehntausenden von missgebildeten Kinder durch Uranmunition 619. Und niemand spricht von den Millionen, die körperlich und / oder seelisch schwerstverletzt wurden, die ihr Leben lang an der Bürde eines Krieges zu tragen haben. Und wieder hört man in Deutschland, dass Krieg ´auch mal notwendig sei´. Man hört, dass es einen ´gerechten Krieg´ gäbe. Man erklärt uns, dass Deutschland ´seinen Beitrag leisten müsse.´ Man erklärt uns, dass wir den Menschen helfen müssten ´sich zu befreien´. Was nichts anderes bedeuten soll, als sich unseren Idealen, unserem Weltbild anzupassen. Was automatisch bedeutet, dass wir Krieg als ewigen Begleiter akzeptieren sollen.“ (S. 448)


Der Autor und Pirat weiß ebenso wie Millionen andere Bürger: Enttäuschungen türmen sich nur dann auf, wenn sie sich aus Illusionen nähren, aus Gläubigkeit und politischem Unwissen, in Verkennung der wahren Ursachen für imperialistische Machtansprüche. So ist das auch mit den anfänglichen Jubelschreien zur EU. Jo meint, die Piraten würden ja sagen zur Europäischen Union, wollen aber anmerken, die EU-Einheit solle als langfristiges, basidemokratisch vorbereitetes Projekt beginnen. Aber vollkommen unabhängig von der derzeitigen Geldordnungs- und Finanzkrise. Dem widerspreche, das legt der Autor dar, dass es Profiteure der heutigen Krise gebe. Und diese sollten zuallererst herangezogen werden. Wörtlich: „Wenn diese Unternehmen ihre Last dem Staat, also jedem einzelnen Bürger, aufbürden, müssen Sie auch ihr Eigentumsrecht abgeben.“ (S. 109) Auf Seite 110 ergänzt er: „Wir dürfen uns nicht wegen einer Krise, in die uns die Elite der Gesellschaft manövriert hat, dazu bringen lassen, überhastet und übereilt in eine neue Gesellschaftsordnung einzutreten, in der noch stärker Eliten das Sagen haben und Einfluss nehmen werden. Wodurch mehr Sprengstoff entsteht, als wir derzeit durch die Finanzkrise angehäuft sehen.“


Was unternimmt ein vernunftbegabtes Wesen, um sich eine eigene Orientierung zu geben, um sich weitgehend unabhängig von den Nebelschwaden verbreitenden bürgerlichen Medien zu machen? Jo Menschenfreund tut das, indem er sich die Frage stellt, ob er sich einen Antiimperialisten nennen könne. Auf Seite S.198/199 schreibt er: „Nachdem man mich auf Twitter einen ´Piraten-Ober-Antiimperialisten´ genannt und aus dem Grund geblockt hatte, wollte ich der Sache nachgehen, was denn einen ´Antiimperialisten´ heutzutage überhaupt ausmachte. Und so kaufte ich mir das Büchlein ´Mit Kapitalismus ist kein Frieden zu machen´ der Linksjugend Hamburg, um mich auf den neusten Stand zu bringen.“ (Mit Kapitalismus ist kein Frieden zu machen, Christine Buchholz/Stefan Ziefle ed.al, www.papyrossa.de ISBN 978-3-89483-504-0)


In der Einleitung des Büchleins werde darauf hingewiesen, so Jo Menschenfreund, wie die Konsequenzen, die aus dem zweiten Weltkrieg gezogen worden waren, nämlich „NIE WIEDER KRIEG“ und „NIE MEHR FASCHISMUS“ längst der so genannten „Realpolitik“ geopfert wurde. Krieg sei wieder zu einem Mittel der Interessenvertretung geworden, nur klüger verpackt in Rechtfertigungen. „Und selbst wenn diese sich nachträglich als Lügen herausstellen, funktioniert es beim nächsten Krieg wieder wie immer.“


Auf Seite 201 zieht der Pirat Jo Menschenfreund für sich das Fazit: Wer sich mit Friedenspolitik beschäftige, komme um das Thema Imperialismus und Antiimperialismus und auch die Frage einer linken Ideologie nicht herum. Für ihn erschließe sich, dass er wohl tatsächlich ein Antiimperialist sei. Auf Seite 403 fährt er fort: „Aktive Friedenspolitik im oben dargelegten Sinn ist m.E. die einzige Chance, die die Menschheit hat, um mit steigenden Bevölkerungszahlen und schwindenden Ressourcen, sich zu einer friedlichen und nachhaltig wirtschaftenden Gesellschaft zu entwickeln. Wenn der Wert der menschlichen Arbeit und das Engagement der Menschen für Rüstung und Kriege verschleudert wird, ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass der nächste Jahrhundertwechsel einen großen Teil der Menschheit wieder in Höhlen leben sieht. Nachdem Millionen und Milliarden qualvoll zu Tode kamen.“


Das Fazit des Rezensenten: „Mein Leben in der Piratenpartei 2012“ sollte ein Lehrbuch sein, wie man nicht nur „basisdemokratisch“ mitspielt in der Piratenpartei, sondern ernsthaft darum ringt, seine eigene politische Position zu erlangen und zu festigen. Die Vielfalt der Interessengebiete, die der Autor ins Spiel bringt und sich damit auseinandersetzt, zeugt von einer hohen kulturellen und politischen Bildung, von einem erstrebenswerten Drang, über sich selbst hinauszuwachsen, durch eifriges Suchen ein Sehender und aktiv Handelnder zu sein.


…doch nicht jeder sieht etwas? Jo Menschenfreund gehört nicht zu denen, die sich verschaukeln lassen.


„Mein Leben in der Piratenpartei 2012“ von Jo Menschenfreund, epubli-Verlagsgruppe Holtzbrinck, 27,90 Euro, Hardcover, DIN A5 quer, 464 Seiten, Erscheinungsdatum: 31.12.2012

Blog des Autors: http://jomenschenfreund.blogspot.com


Erstveröffentlichung der Rezension in der Neuen Rheinischen Zeitung

Mehr über den Rezensenten: http://cleo-schreiber.blogspot.com


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henry77
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