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Missverständnisse, Aufklärung von Vorurteilen von Ossis und Wessis

Kleine Wiedervereinigung auf der Ostsee 1989

 von Muschelschubserin , 29.03.2007 21:34

Moin!

Wie man unschwer erkennen kann, bin ich neu in dieses Forum reingeschneit.
Ich selber bin nicht mal aus Ostdeutschland, was für Euch hoffendlich kein Drama ist. Die Hälfte meines Lebens habe ich allerdings direkt an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze in Lübeck verbracht und regelmässig einige Familienmitglieder im Osten besuchen dürfen.
Warum ich nun in diesem Forum gelandet bin, möchte ich gerne erklären bzw. ich muss da etwas loswerden was irgendwie keinen anderen in meinem Bekanntenkreis sonderlich zu interessieren scheint.
Auch auf die Gefahr hin, mich gleich bei meinem ersten Beitrag hier total zum Deppen zu machen, lege ich mal "frei Schnauze" los:

Es war wohl im Sommer 1986, ich war damals 13 Jahre alt und mit meinen Eltern ein Sommerfest in Lübeck besucht habe, da gab es u.a. auch ein Gewinnspiel bei dem man kleine Kärtchen an Luftballons geheftet hat und wobei die weiteste Rückmeldung vom jeweiligen Flug mit einem Preis prämiert werden sollte. Na ja, den Preis habe ich nicht gewonnen, allerdings meine erste Brieffreundschaft(noch heute eines meiner Steckenpferde).

Ich habe auch schon recht bald Post erhalten und zwar aus einem kleinen Ort bei Grevesmühlen. Ehrlich gesagt, habe ich damals erst ein ziemlich langes Gesicht gemacht. Böööh! Post aus der DDR. Weiss der Geier, von woher ich mit Post gerechnet habe.
Na ja, jedenfalls ergab sich daraus eine echt tollen Briefwechsel mit Jens, der damals 15 Jahre alt war und den Ballon samt Karte aus einem Baum in Vaters Garten gefischt hat.

Und so gingen die Briefe hin und her. Eigentlich auch nichts super besonderes, eben was junge Läuse sich so zu erzählen haben. Manche Briefe kamen auch irgendwie nie an und so schlief der Kontakt für ein paar Monate auch wieder ein, bevor es wieder irgendwie weiter ging. Was uns gemein war, war die die Liebe zum Meer. Und die Ostsee ja quasi vor der Haustür lag, auch immer was zu erzählen.

In Lübeck gab es für uns Schüler jeden Sommer einen Ferienpass, wo es zig Freizeitaktivitäten und Vergünstigungen gab.
Ich habe (zusammen mit meiner besten Freundin) von anderen Mitschülern die Coupons für die Tagesfahrten nach Schweden mit der TT-Line Fähre (inkl. Captainsbuffet *lecker*) abgeluchst. Diese "Seacruise-Parties" waren übrigens bis in die 90er seeeehr beliebt bei mir. Dem Jens habe ich stets Postkarten von den Fähren (Peter Pan, Nils Holgersson, Nils Dacke, Gedser, Finnjet usw.) geschickt, weil er ganz verrückt nach Schiffen (und deren Technik) war.

Ja, und dann kam irgendwann das Jahr 1989 und die Grenzöffnung und wir haben uns zum ersten Mal persönlich kennengelernt.
Schon ein wenig seltsam, man hat sich noch nie persönlich gesehen aber trotzdem schon so viel voneinander weiss.
Da war ich 16 Jahre alt, Jens 18 und - es klingt zwar verrückt aber das erste, was wir gemeinsam angeschaut haben, war nicht die Lübecker Innenstadt mit den vielen Geschäften, sondern er wollte sooo gerne eines dieser Schiffe auf den vielen Postkarten sehen.
Meine Mutter hat uns an diesem Morgen (zwar ein wenig kopfschüttelnd) in die entgegengesetzte Richtung nach Travemünde gefahren.
Auch für mich ist heute noch die Anfahrt zum hellerleuchteten Skandinavienkai der Inbegriff des Fernwehs und Beginn vieler schöner Urlaubsreisen gen Schweden und Dänemark.

Eigentlich wollten wir uns nur ein bisschen im Terminal herumtreiben, Postkarten kaufen und einen kleinen Snack zu uns nehmen, da hat mich irgendwie der Teufel geritten und habe einfach zwei Tagestickets (inkl. Captainsbuffet) gekauft. Um 10:00 ist dann allerdings Abfahrt, das heisst sofort! "Hast Du Deinen Ausweis dabei? - Dann müssen wir hier lang"....Na ja, meine Mutter war solche Aktionen ja von mir schon gewohnt und fuhr mit Jens Eltern gen Lübeck zurück.....und schon befanden wir uns auf der langen, gläsernen Gangway entlang zum Eingang der am Skandinavienkai liegenden Peter Pan. Damals noch so ein riesiges Hochhaus von Schiff.

Ehrlich gesagt, hatte ich in diesem Moment selber einen kleinen Anflug von Panik, weil ich dachte, das Jens anfängt zu hyperventilieren. Was für mich schon immer ein herrlicher Augenblick war, war für ihn "einfach nur der Wahnsinn!" - "Was wir fahren damit?" - "Jetzt?" (was ich allerdings schon zwei, dreimal gesagt habe aber irgendwie wohl nicht komplett ankam).

Na ja, das Fazit war, das es die allerbeste Idee war, die mir einfallen konnte. Fernab der Euphorie und Hysterie hatten wir unsere eigene kleine, grosse Welt an Bord. Sofort erst einmal raus aufs Deck *winke winke* und langsam Travemünde entlang der Küste (der anderen Seite) "Tschüss sagen" - bis wir endlich solange unterwegs waren, wo wir rund um uns bis zum Horizont nur noch die Ostsee sahen. Ich denke mal, dass das wohl der Inbegriff der Freiheit war.

Ohne Gedrängel und Geschubse wurde dann nach einiger Fahrtzeit auch der Duty Free Shop geöffnet, was auch für mich stets ein absolutes Highlight war, weil man dort auch die nicht in Lübeck erhältlichen skandinavischen Minzbonbons (FazerMints), holländischen Lakritze und zum Teil englischen Wein Gummi Leckerreien kaufen konnte.
Ich weiss auch noch ganz genau, das man in eines der Bordkinos "Who`s That Girl" mit Madonna sehen konnte (gratis!).
Tischtennisspielen mit ein paar verrückten jungen Schweden war auch noch ziemlich witzig und leider hatten wir natürlich keine Badesachen für den Bordpool dabei (na ja, der ja eher eine grosse Badewanne war).

Das Buffet (schon mit meiner Freundin immer ein Heidenspass) hat sich auch als eine super Idee erwiesen.
Abends dann noch einen kleinen Abstecher in der Borddisco, wo wir schliesslich, fröhlich am Tresen schwatzend an unseren bunten Softdrinkcocktails nuckelten. Schliesslich haben wir uns beide draussen auf Deck achtern gesetzt und bis in den späten Abend gequatscht und herumgealbert bis wir spätabends wieder zurück in Travemünde waren. Ich glaube, das dieser Tag nicht nur für mich einer der denkwürdigsten und aufregendsten Tage in meinem Leben war.

Ich hätte hier daraus eine seitenlange Erzählung machen können aber habe mich auf Rücksicht auf die Leserlinge hier bewusst kurz gehalten. Keine Ahnung, ob auch nur einer hier in etwa nachvollziehen kann, was da in uns vorging.

Just in diesem Moment erlebe ich den total Backflash, höre dazu auch noch 80er Jahre Mucke aus meinem CD Player.
Ich glaub...ich glaub....ich brauche eine Kleenexbox.

Vorgestern habe ich um drei Ecken zufällig erfahren, das der Jens bei einem Autounfall tödlich verunglückt ist.

Es ist irgendwie so traurig (und jetzt gesehen auch so unglaublich), das diese Freundschaft irgendwie im Sande verlaufen konnte.
Was ist bloss passiert? Warum haben wir uns irgendwie aus den Augen verloren? Wir haben uns danach nie wieder gesehen.

Schade, das wir nicht hartnäckiger waren diese Freundschaft aufrecht zu erhalten.




Muschelschubserin
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