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Gesellschaft heute und in Zukunft

Zukunft des Kapitalismus?

 von Quintus , 15.01.2007 20:40

Das Fragezeichen hinter meiner Themenstellung signalisiert schon, daß das Thema auch heißen könnte: „Hat der Kapitalismus eine Zukunft?“
Doch erschien mir diese Frage zu tendenziös, weshalb ich es beim leisen Zweifel beließ. Auf dem Zeitstrang erscheint der Begriff „Zukunft“ sehr dehnbar. Es kann die Zukunft der nächsten sechs Stunden ebenso gemeint sein wie die Zukunft in dreihundert oder mehr Jahren. Für einen einzelnen Menschen ist letztgenannter Zeitraum nicht mehr übersehbar, was unter anderem auch dafür verantwortlich gemacht werden kann, daß wirtschaftliche Entscheidungen selten über einen für den Einzelmenschen überschaubaren Zeitraum hinaus gelten. Manchmal überleben die Entscheidungen nicht einmal den nächsten Tag.

Es überstiege die mir zu Gebote stehenden Mittel, an dieser Stelle die über mehrere Threads verstreute Diskussion zu diesem Thema hier zusammenfassen zu wollen, weshalb ich mich auf zwei Aspekte konzentrieren möchte.
1.Von Iris (?) stammte die Aussage, daß die Wirtschaft doch eigentlich für den Menschen da sein solle und nicht umgekehrt, der Mensch Sklave der Wirtschaft oder der Wirtschaftsform, in der er sich überwiegend bewegt. Diese Aussage möchte ich dankbar aufnehmen.
2.Marx spricht unter anderem von/m Wirtschaft(en) als dem Stoffwechsel des Menschen mit der Natur. Hieran könnte man die moderne Ökologie anknüpfen, indem man fragt, wie denn dieser „Stoffwechsel“ im einzelnen aussieht.
Wie ist nun das menschliche Verhältnis zueinander im Kapitalismus? Nach Marx ist es bestimmt durch die Eigentumsfrage, genauer: die Frage nach dem Eigentum an den Produktionsmitteln. Mittlerweile gilt der personifizierte Kapitalist, der Patriarch, der seinen Betrieb persönlich führt und unternehmerische Initiative zeigt, als Auslaufmodell, auch wenn die Rolle der florierenden mittelständischen Unternehmen hier nicht unterschlagen werden soll; denn selbst diese Unternehmen haben sich zumeist als Gesellschaften mit beschränkter Haftung gegründet, um den unbeschränkten Zugriff potentieller Gläubiger auf das Privatvermögen des/der Gesellschafter im Falle einer möglichen Insolvenz zu verhindern. Jede/r im Betrieb mag wissen, wem letztlich „der Laden“ gehört, doch nach außen wird eine möglichst undurchsichtige Gesellschaftsform gewählt.
90 % der erwerbstätigen bundesdeutschen Bevölkerung befindet sich in einem abhängigen Beschäftigungsverhältnis (in diese Rubrik fallen allerdings auch die Manager/Vorstandsmitglieder/ Geschäftsführer eines Unternehmens). Da wird es schwierig, den genuinen Kapitalisten auszumachen. Hilft nur eine gewisse Abstraktion: es gibt abhängig Beschäftigte, die zugleich auch Kapitalisten sind, weil sie Aktien/Kommanditanteile/stille Teilhaberschaften an Unternehmen besitzen. Es gibt auch „normale“ Arbeitnehmer, die über Fondsanteile indirekt an Unternehmen beteiligt sind. Das ist nicht nur die heute kaum mehr bemühte Formel von der „Vermögensbildung in Arbeitnehmerhand“, sondern auch eine Form der privaten Daseinsvorsorge, weil die halbstaatlichen Institutionen der Daseinsvorsorge ihrer Rolle für den Einzelnen nicht mehr ausreichend gerecht werden (Norbert Blüm: „Die Renten sind sischär“).
Dennoch bleibt das grundlegende Moment des Beschäftigungsverhältnisses das der Ausbeutung, weil es sich um entfremdete Arbeit für eine andere (wirtschaftliche/juristische) Person handelt, welche die Früchte dieser Arbeit (Produkte, Dienstleistungen) zu einem Preis verkauft, der anteilig die Kosten für die Reproduktion der in es/sie investierten Arbeitkraft sowie für das eingesetzte Kapital (Sachkosten + Rendite) übersteigen muß, damit es überhaupt zu dem Angebot des Produkts oder der Dienstleistung kommen kann. Man verzeihe mir die Verkürzungen. Wer tiefer in das Thema einsteigen möchte, sei auf die einschlägigen Bemerkungen Marxens über die Entstehung des Mehrwerts verwiesen.
In einem ausbeuterischen Verhältnis steht „der“ Mensch nicht nur zu seinem „Mitmenschen“ sondern auch zur ihn umgebenden Natur. Das wird nicht nur augenfällig an Hand des gegenwärtigen Streits um den verlängerten Einsatz technisch veralteter und tendenziell gefährlicher Atomkraftwerke, sondern auch in Anbetracht der schwindenden Erdölvorräte (der Begriff „peak oil“ sei hier nur genannt). Eigentlich ist der Rohstoff Erdöl viel zu wertvoll, um ihn in einem Verbrennungsmotor zur Fortbewegung einzusetzen. Dennoch beharrt man auf der scheinbar ins Unendliche steigerbaren Produktion von Pkw mit Otto- und Dieselmotoren, obwohl schon lange bekannt ist, daß – wäre heute jede/r Chinese/in mit einem Pkw versorgt – wir das Haus kaum mehr ohne Sauerstoffmaske verlassen könnten.
Hier sehe ich eine dauerhafte und sehr ernsthafte Herausforderung des kapitalistischen Wirtschaftssystems, das sich zwar in der Vergangenheit als höchst anpassungsfähig gegenüber den Anforderungen veränderter gesellschaftlicher Lagen erwiesen hat, doch sich heute trotz vorhandener Forschungsergebnisse (einigermaßen gesichertes Wissen) erstaunlich wenig darum kümmert, wie es das Leben der leider ja benötigten VerbraucherInnen künftig erhalten könnte.
Leo Kofler, einer der letzten Kathedermarxisten hier im Westen bereits vor der Wende, begegnete dem ökologischen Gedanken stets mit dem Argument, auch der Kapitalist benötige gute Luft und habe schon deshalb ein Interesse daran, umweltverträglicher zu produzieren. Noch erweisen sich große Teile der Industrie als im wesentlichen an ihren kurzfristig erzielbaren Gewinnen interessiert und weniger an der Erhaltung ihrer Produktionsgrundlagen. Ob allein „der Markt“ hier eine Wende wird herbeiführen können, wird auch über das Wohl oder Wehe des kapitalistischen Wirtschaftssystems entscheiden. Noch fehlen entscheidende Schritte in eine andere Richtung.
Natürlich läßt sich entgegnen, daß mit einer nachhaltigeren Wirtschaftsweise keineswegs die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen abgeschafft sei, denn immerhin ist denkbar, daß auch dann noch Gewinne erzielt und angestrebt werden. Dem kann ich wenig entgegen halten. Nur wären die dann geänderte Perspektive auf die Natur und die Notwendigkeit, in längeren Zeiträumen und größeren Zusammenhängen zu planen, ein möglicher Anstoß, das Verhältnis von Mensch zu Mensch innerhalb des Stoffwechsels mit der Natur ebenfalls zu überdenken und zu ändern. Wie man das dann nennen möge, ob „Kapitalismus mit menschlichem Antlitz“ (eigentlich ein Widerspruch in sich) oder „Gelehrtenrepublik“ ist wohl keine vorrangige Frage.

Auf eine angeregte Diskussion
freut sich
Quintus


Quintus
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